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Geschichte der organischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert : Medizin und deren Hilfswissenschaften, Zoologie und Botanik / von Franz Carl Müller
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Darmchirurgie. Trepanation.

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nervösen Centralorganes, des Gehirnes, wagen wir es bei Ver-letzungen des Gehirns, direkt auf die kranke Stelle vorzudringen.Namentlich die Arbeiten der Psychiater haben gezeigt, daß selbstgrößere Teile der Gehirnoberfläche entfernt werden können; umwieviel eher ist es möglich, zertrümmerte Gehirumasseu zn beseitige»,Knochensplitter wegzunehmen, Eiterhöhleu zu öffuen, Blutextravasate,die auf das Gehirn einen Druck ausübe», unschädlich zu macheu.Die moderne Gehirnchirurgie gehört zu deu glänzendsten Er-rungenschaften des menschlichen Geistes, sie verlangt eine minutiöseKenntnis der Gehirnanatomie und Physiologie nnd eine un-erschrockene Hand. Von großem Interesse sind die zwecks Heilungder traumatischen Epilepsie vorgenommen Trepauatiouen. Ebensobeseitigt man den im Warzeusortsatz befindlichen Eiter durch Auf-meiselung des ?rocessus rnÄstoickeus, wodurch den schweren Folgendieser Affektiou vorgebeugt werden kann.

Nicht minder kühn ist die Herzchirurgie, die sich bis zurHerznaht ausgebildet hat. Auch die Luugeuchirurgie verzeichnetbedeutende Erfolge und wird immer mehr vervollkommnet. Wirhaben noch der Nervendehnuug und Cystoskopie zu gedenken.Nachdem Billroth 1872 den ^ervus ise^mclious freigelegt uudhervorgezogen hatte, um nach etwaigen krankhaften Veränderungenzu suchen, und ohne weiteren Eingriff nachher eine wesentlicheBesserung des Nervenleidens konstatieren konnte, machte Nnß-baum (1873) die erste absichtliche Nerveudehuuug. Bald wurdedie Operation von anderen Autoreu wiederholt uud so kamen rascheinige Hundert vou Fälleu zusammen. Vogt empfiehlt, dieselbebeim trannmtischen Tetanus möglichst frühzeitig vorzunehmen undbefürwortet bei der Reflexepilepsie, die vou Nerven des Kopfes,Rumpfes oder der Extremitäten ausgehet, deu betreffenden Nervenzu dehuen. Bei der Rückenmarksdarre (I^kes), bei der wohl ammeisten gedehnt wurde, ergab die sorgfältige Statistik, daß Geh-störungen nicht, neuralgische Beschwerden aber wesentlich gebessertwerden. War mithin die Operation auf dem besten Wege sicheinzubürgern, so erhielt sie im Jahre 1882 durch eine in derBerliner medizinischen Gesellschaft von Leyden veranlaßte Dis-kussion den Todesstoß und fiel seitdem der Vergessenheit anheim.