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Geschichte der organischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert : Medizin und deren Hilfswissenschaften, Zoologie und Botanik / von Franz Carl Müller
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VII. Chirurgie, Augen-, Lhren-, Zahnheilkundc.

In den Handbüchern der Massage lesen wir, daß genanntesHeilverfahren nicht nur bei chirurgischen Fällen, wie Luxationennnd Distorsioneu, bei Frauenkrankheiten der verschiedensten Art,bei Obstipation und deren Folgen, endlich bei den zahlreichenNervenkrankheiten angewendet wird; wir sehen auch, daß andereDisciplinen die Methode sich nutzbar gemacht haben; so wird inder Augenheilkunde, in der Dermatologie, bei Krankheiten desQhres, bei Herzkrankheiten und Cirkulationsstöruugen überhauptfleißig nnd mit Erfolg massiert. In der Hand kundiger Ärztesind Massage uud Gymnastik wertvolle Heilbehelfe; andererseitskann nicht verschwiegen werden, daß sich die von Laien ausgeübteMassage mit Recht keiner großen Achtung erfreut. Die Vorbildungdieser Masseure und noch mehr der Masseuseu ist meist eine mini-male und von ihnen bis zu den Knrpsuschern ist nur ein kleinerSchritt, so daß mau schou angefangeu hat, dieser Art von Laien-therapie mehr Aufsicht zu wünschen, als bisher geübt wurde.

Nachdem die Fortschritte, welche die Chirurgie im großen ge-macht hat, besprochen sind, müssen wir noch etwas ins Detail gehen,weil gerade die letzten Jahre ganz einschneidende Verbesserungengebracht haben. Die mitunter vorkommenden Chlorophormtodesfällehaben Dumont und Bornträger zn Äußerungen über die straf-rechtliche Verantwortlichkeit des Arztes veranlaßt und Dumontkam zu dem von anderen Seiten angefochtenen Schlüsse, daß derChlorophormierende verantwortlich ist, wenn er bei LungenkrankenÄther, bei Herzkranken Chlorophorm angewendet hat. Was dieHäufigkeit des Chlorophormtodes betrifft, so rechnet Andrews auf2700 Narkosen einen Todesfall, Billroth einen auf 12 500,Nußbaum verlor bei 15000 Narkosen keinen Kranken. ColeSrechnet bei Äther 1:24000, bei Chlorophorm 1:2873, Chlorophorm-äthermischung 1:5590, Methylenbichlorid 1:5000. Der Toderfolgt durch Herzlähmuug oder Respirationslähmuug, vielfachaber ist das Chlorophorm gar nicht schuld, wie Fälle aus derLitteratur beweisen, in denen bei Scheinuarkosen die Kranken beimersteu Hautschnitt plötzlich starben. Ein englisches Komitee, welchesmit dem Studium der Chlorophormtodesfälle betraut worden war,warnte vor der Einatmung konzentrierter Chlorophormdämpfe und