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Geschichte der organischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert : Medizin und deren Hilfswissenschaften, Zoologie und Botanik / von Franz Carl Müller
Entstehung
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340
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Z4Y VII. Chirurgie, Augen-, Ohreu-, Zahnheilkunde.

kerngesunder Knabe, büßte das Gehör und die Sprache ein. Ichwußte anfangs nicht, was ich Unglücklicher verloren hatte. Ich warnur erstaunt, daß ich einen Anredenden nicht hören konnte, tröstetemich aber, daß mit der Gesundheit auch das Gehör sich wiedereinstellen werde. Ich war über die Wiederherstelluug meiner Ge-sundheit so erfreut, daß ich mein Unglück ganz vergaß, war munter,lustig und guter Dinge. Auch schwatzte ich viel, als wenn ichnichts verloren hätte. Gar bald aber merkte ich, daß ich von derUmgebung immer weniger verstanden wurde, weil ich immer un-deutlicher zu sprechen ansing. Weil ich immer weniger verstandenwurde, sprach ich auch allmählich weniger. Durch diesen Mangelan Übung tilgten sich aber das Wort und die Aussprache ausmeinem Gedächtnis. Nach uud nach wurde die Sprache undeut-licher und der Wortansdruck unverständlicher, indem ich einzelneabgerissene uud unzusammenhängend? Worte sprach. Die Pflichtdes Verzeihens oder Vergebens war mir völlig fremd. Ich hieltdie Rache, welche mir oft schwere Strafe zuzog, für ein erlaubtes,ausgemachtes Ding. Gleiches mit Gleichem vergelten war mir dieausgemachte Wahrheit."

Der erste rationelle Taubstummenunterricht geht weit zurück,bis ins 15. Jahrhundert. Man Pflegte immer die zwei nahe-liegenden Methoden: Die Artikulation und die Zeichensprache.Daneben muß der Schüler lernen, die Worte von den Lippen desihn Ansprechenden abzuleseu. Die verschiedenen internationalenKongresse für den Tanbstnmmeminterricht haben sich dahin geeinigt,daß neben der Lautsprachc auch das Ablesen der Worte gepflegtwerden soll, daß aber ersteres das wichtigere ist; nach diesem Grund-satz wird in Deutschland allgemein Verfahren. Die Statistik zeigt,daß ungefähr ^ aller Taubstummen im deutschen Reiche regelmäßigUnterricht genießen: in anderen Ländern sind die Ziffern nochgünstiger, so bleibt in den Niederlanden nur ein Prozent allerTaubstummen ohne Unterricht, was sich wohl dadurch erklärt, daß beider geringen Anzahl der Taubstummen die Übersicht eine leichtere istals anderSwo. Jedenfalls kann behauptet werden, daß für diese Un-glücklichen, wie ja auch für die Blinden bei uns im deutschen Reichealles geschieht, was von Staatswegen überhaupt geschehen kann,