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Geschichte der organischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert : Medizin und deren Hilfswissenschaften, Zoologie und Botanik / von Franz Carl Müller
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Taubstummheit.

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das häufigere Vorkommen im Gebirge durch hygieinische Schädlich-keiten, schlechte Wohnung, dürftige Nahruug uud durch die iuengen Gebirgsthäleru, deren Einwohner mit der Außenwelt wenigiu Berührung kommen, nicht seltenen Verwandten-Ehen. Überletzteren Punkt wurde viel geschrieben und eine reiche Statistikaufgestellt, aber man ist doch nicht zu eiuem abschließenden Urteilegekommen. Lent fand, daß nnr 3^/.,°/^ der Taubstummeu ausVerwandtenehen stammen, Boudin konnte bis zu 30"/^ konstatierennnd Meniere führte die angeborene Taubheit uur auf Inzuchtzurück. Noch interessanter ist die Frage, ob sich die Taubstumm-heit der Eltern auf die Kiuder vererbt. Aus der Statistik gehtunzweifelhaft hervor, daß eine direkte Vererbung in den aller-seltensten Fällen vorkommt; die meisten Taubstummen bekommennormalsinnige Kinder. Dagegen läßt sich in der weiteren Ascendenzgar nicht selten nachweisen, daß Taubstumme vorhanden waren,so daß also eine gewisse hereditäre Belastung nicht geleugnetwerden kann.

Für die Taubstummen wird in den Kultnrstaaten in geradezumustergiltiger Weise gesorgt; allerorten giebt es Anstalten, iuwelchen dieselben Pflege und Behandlung finden, welch letztere sichin erster Linie daraus richtet, durch sachgemäße Untersuchung heraus-zubringen, welches Gehörleiden vorliegt und ob dasselbe geheiltwerden kann; außerdem ist ein Unterricht ermöglicht, iu welchemden Kranken nicht nur die Gebärdensprache, sondern auch, soweites angäugig ist, die Lautsprache beigebracht wird, so daß die Taub-stummen zum größeren Teil wenigstens einem bürgerlichen Be-rufe zugeführt werden können. Es liegt in diesem staatlich ge-leiteten Unterricht ein wesentlicher socialer Faktor, denn dienicht unterrichteten Tanbstummen sind nicht nur eiue Last für ihreAngehörigen, sondern sie haben auch gewisse psychische Anomalien,welche sich durch die Art ihrer verminderten Sinnesempfindungnnd Mitteilbarkeit erklären. Sie sind jähzornig, werden durchsinnliche Triebe beeinflußt uud können gut uud schlecht nichtunterscheiden. Ein taubstummer Taubstummenlehrer Kruse hatim Jahre 1877 seine Erfahruugen veröffentlicht und bringt hoch-wichtige Details aus dem Leben seiner Leidensgenossen:Ich, ein

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