Die naturhistorische Schule.
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würde es erst werden, wenn der Priester Arzt wäre. Nur derkatholische Priester hat die sieben Sakramente zn spenden nnd dieseseien auch die einzig wahren und wirksamen Heilmittel, die esüberhaupt giebt; ohne Kirche und ohne Priester sei kein Heilin der Medizin. — Ähnlichen Gedanken ging Johann Chr. Aug.Heinroth nach (1773—1843), der zwar sehr viel für die Psychi-atrie leistete, aber durch seine Theorie, daß die Geisteskrankheitendie Folge von Sünden sind, den Fortschritt dieser Disciplin, ander ja seit alters so unendlich viel Dämonisches haftet, aufhielt.
Als eine Tochter der naturphilosophischen Schule ist dienaturhistorische Sekte zu betrachten, welche ihre Entstehung demJenaer Professor Karl Wilhelm Stark (1787—1845) verdankt.Er war ein ungemein fleißiger und auch erfolgreicher Praktiker.Aus feinen Arbeiten leuchten besonders zwei hervor; die „patho-logischen Fragmente" (1824) und „Allgemeine Pathologieoder Naturlehre der Krankheit" (1838). In letzterer ge-brauchte er zum ersten Male von seiner Richtung selbst den Namen:„naturhistorische Schule". — Er hält die Krankheit für einenParasiten, der sich im gesunden Organismus entwickelt; die Krank-heit ist ein Lebensprozeß, der alle wesentlichen Eigenschaften desLebens an sich trägt, aber immer ein anderes, der Form nach ihmungleichartiges Leben zu seiner Entstehung und ferneren Existenzvoraussetzt. Die beiden Leben, das des Menschen und das desParasiten kämpfen gegeneinander, bis eines die Oberhand gewonnenund das andere zerstört hat. Es giebt aber auch Parasiten derParasiten, welche je einen tieferstehenden Lebensprozeß durchmachen,als die von ihnen befallenen Organe. Damit ist gesagt, daß dermenschliche Organismus, sobald er von einer Krankheit ergriffenwird, auf eine tiefere Lebensstufe herabsinkt resp, degeneriert wird.
Stark hinterließ zwei Schillergruppen; in der einen glänztals Führer der berühmte Kliniker Schoenlein, von dem wir denBeginn der eigentlichen deutschen Klinik rechnen können und dessenEinfluß auf die gesamte Medizin wir noch ausführlich zu behandelnhaben, und die andere Gruppe, die den Lehrer an Spitzfindigkeitnoch zu übertreffen suchte und darin anch thatsächlich Unglaublichesleistete. Es sind zu nennen: R. Volz, F. Iahn, I. Hergen-