Z84 VIII, Innere Medizin und deren Hilfswissenschaften.
von ihm auch der „Nihilismus der Wiener Schule." Da erkein sehr großes Vertrauen zu der Therapie hatte, so übertrug sichdieser Skeptizismus auch auf seine Schüler, welche sich darauf be-schränkten, eine Diagnose zu stellen und deren Richtigkeit durch dieSektion nachzuweisen. Der Einfluß der neuen Wiener Schule warein so großer, daß überall in der medizinischen Welt das Vertrauenzu den Heilmitteln ein geringes wurde und thatsächlich die innereMedizin sich mit einigen wenigen Heilmitteln begnügte. War diesauch für die Diagnostik von wesentlichem Vorteile, so schadete esdem Ansehen der ärztlichen Kunst in Laienkreisen und so kam es,daß einerseits die Hydrotherapie, bei der doch etwas geschieht, all-seitig mit Jubel begrüßt wurde, andererseits ist die moderne Poly-gragmasie als ein Rückschlag zu bezeichnen, der seine Wurzeln inWien hat.
Schon 1845 äußerte sich Josef Dietl (1804-1878) in derZeitschrift der Gesellschaft der Wiener Ärzte in absolut nihilistischemSinne, indem er ausführte, daß man den Arzt nicht nach dem Er-folge seiner Behandlung, sondern nur nach der Menge seinesWissens zu schätzen hat. „Solange die Medizin eine Kunst ist,wird sie eine Wissenschaft sein, solange es glückliche Ärzte giebt,solange giebt es keine wissenschaftlichen Ärzte." Dietl, dernamentlich politisch sehr viel in Anspruch genommen war, gingübrigens nicht so weit, als sein Schüler Josef Hamernik , (1810—1887), der sich zwar um die physikalischen Untersuchungsmethodenund nm die Krankheiten des Gefäßapparates große Verdienste er-worben hat, aber seinen negierenden Standpunkt so sehr betonte,daß er seiner Stellung als Universitätslehrer in Prag enthobenwerden mußte.
Die übrigen Mitglieder der neuen Wiener Schule sind nichtvon dem geschilderten Nihilismus angekränkelt, wir verdanken ihnenwertvolle Arbeiten auf allen Gebieten und ihr Name zog Scharenvon Schülern nnd von Kranken an die Wiener Hochschule. —Einer der ersten ist Johannes von Oppolzer (1808—1871), derein gewaltiges Lehrtalent besaß. Er war zuerst Prosessor in Prag ,kam dann von 1848—1850 nach Leipzig nnd lehrte von 1850 biszu seinem Tode in Wien . Man rühmt ihm nach, daß er keine