Aderlaß.
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Verminderung der Blutmenge wünschenswert erscheinen ließen, dannzur Behebung von Kongestionen und Blutstauungen und zur Be-ruhigung des Nervensystems sowohl, wie auch als Anästhetikum,bei der Vornahme schmerzhafter chirurgischer Operationen uudendlich zur Verhütung von Krankheiten. Man glaubte durch recht-zeitige Aderlässe die Neigung zum Schlaganfalle beseitigen zukönnen.
Aber mehr uud mehr traten die Gegner in den Vordergrund:Krüger-Hansen wollte, daß die Aderlässe von Staats wegeu ver-boten werden sollten. Dietl verwarf ihn bei der Lungenentzündung(1849) und Auton von Jackfch zeigte durch die Statistik, daß ergefährlich ist. Was also noch vor wenigen Jahren einem Heil-kundigen so ans Herz gelegt war, daß die Nichtbefolgung alsMord bezeichnet wurde, das wurde nnnmehr entschieden verworfen.In der Zeit von 1850—1877 horte man von der Methode über-haupt uichts mehr. Es ist wahrscheinlich, daß auf dem Lande altePraktiker denselben noch vollzogen, aber in den Kliniken wurdeder Name gar uicht mehr genannt, so daß heutzutage die meistenArzte in ihrem Leben keinen Aderlaß gesehen haben.
Erst ein hannoveranischer Oberstabsarzt, Dr. August Dyes , solltedas früher so beliebte Heilmittel der Vergessenheit entziehen; Dyes,der erst vor wenigen Jahren (1813—1899) hochbetagt in Hannover gestorben ist, war sein Leben lang dem Aderlaß tren geblieben undkam in einem hoffnungslosen Falle von Bleichsucht auf deu Gedaukeu,durch eine Blutentziehung der Patientin das Sterben zu erleichtern.Er wnrde 1847 in der Nähe von Bremen zu einer 24jährigenKranken gerufen, die sich im Endstadium ihres schweren Leidensbefand. Da die Herzthätigkeit sehr erregt war, so entzog er 100 ArBlut und war erstaunt, am anderen Tage statt einer Leiche einehvffnnngssrcndige Kranke zu finden, welche sich dann in 6 Wochenvöllig erholte und später gesunden Kindern das Leben gab. Stattdaß Dyes, wie es der Konsilarins gemeint hatte, vor Gericht ge-zogen wurde, hat er mit seinem lebensrettenden Eingriff die Methodedes Aderlasses bei der Bleichsucht begründet, über welche seitdemviel geschrieben würde, Günstiges und Ungünstiges. — Was Dyes
in die Öffentlichkeit brachte, wurde ignoriert, wohl deswegen, weil
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