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Geschichte der organischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert : Medizin und deren Hilfswissenschaften, Zoologie und Botanik / von Franz Carl Müller
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Antipyrese.

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nicht eines mächtigen Mittels im Kampfe gegen die Mikro-organismen berauben will. Die Erfahrung muß hier das Aus-schlaggebende sein. Mau hat seit langer Zeit, namentlich aberdurch Brands und Liebermeisters Vorgehen die kalten Bäderin die Typhusbehandlung eingeführt und zwar mit vorzüglichemErfolge.

Außer den kalten Bädern haben wir die abgekühlten, welcheZiemssen empfohlen hat und die lauwarmen von Nieß; in denletzteren gelingt es, die Temperatur dauernd auf der Norm zu er-halten, womit aber nicht gesagt sein soll, daß damit die Krankheitin günstiger Weise beeinflußt wird. Im Gegenteil hat Naunyn ge-funden, daß die lauen Bäder, denen die reflektorische Beeinflussungdes Herzens und der Haut uud damit die bessere Durchblutungder inneren Organe nicht zugeschrieben werden kann, therapeutisch,im Stiche lassen. Daraus folgt der Schluß, daß es nicht alleindie Herabsetzung der Temperatur ist, welche der Wasserbehandlungso viele Freunde gebracht hat, sondern daß ihr Imponderabilienzukommen, die wir ahnen, aber noch nicht sicher fixieren können.Die Beobachtungen der zahlreichen Hydrophilen, zu denen auchJuergensen, Naunyn und Struempell, überhaupt die meisteninneren Kliniker gehören, haben ergeben, daß die hydropathischeAntipyrese zwar in allen fieberhaften Krankheiten durchzuführenist, aber nirgends bessere Resultate gewährt, als beim Abdominal-typhus, bei welchem die Sterblichkeit auf ü°/g und weniger herab-gedrückt werden konnte. Noch hätten wir zn betonen, daß nichtallein die Bäder, sondern auch die Abwaschungen und Eiuwicke-lnngcn mit nassen Tüchern dem antipyretischen Heilschatze einver-leibt worden sind, aber Näheres darüber geht aus der Geschichteder Hydrotherapie hervor, die wir später noch im Zusammenhangemit der Balneotherapie und dem neuesten Zweige der innerenMedizin, der Lichttherapie, abzuhaudelu habeu.

Unter den medikamentösen Fiebermitteln steht das Chininobenan, dessen Kenntnis bis in die erste Hälfte des 17. Jahrhuudertszurückgeht. Lange Zeit standen sich die Ansichten über deu Wertdes Chinins schroff gegenüber, so daß es den Anschein hatte, alskönne das Heilmittel sich in der Pharmakopöe nicht halten, aber