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Geschichte der organischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert : Medizin und deren Hilfswissenschaften, Zoologie und Botanik / von Franz Carl Müller
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Traumatische Neurose.

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Wirkung dreht, welche eine mehr oder weniger ausgeprägte Psychv-neurose nach sich zieht, die bald hysterische, bald neurasthenische,hypochondrische oder melancholische Züge hat. Das Bestehen derAffektion, aus der heraus Kraepelin sich ernste Psychosen hatentwickeln sehen, zu leugnen, ist nicht mehr statthaft, wohl aberläßt sich nicht von der Hand weisen, daß vielfache Simulationenmit unterlaufen, die zum Teil durch das häufige Untersuchen inden Krankenhäusern und Kliniken selbst entstehen, denn sonst ließees sich nicht erklären, daß die traumatische Neurose an Häufigkeitin demselben Grade zunimmt, in welchem die Ärzte konnivent sind.

Man hat vou verschiedenen Seiten den Vorschlag gemacht,den Begriff traumatische Neurose überhaupt zu streichen und dieKrankheit nach dem jeweils vorherrschenden Symptomenkomplex zubezeichnen. So viel ist sicher, daß sich auch ohne äußere Verletzungdurch den psychischen und körperlichen Schreck, der bei Unfällen oftmitwirkt, schwere Erkrankungen entstehen können. Diese Thatsachehat das Reichsgericht auch bestimmt, das Unfallgesetz dahin zuinterpretieren, daß auch ein Unfall vorliegen kann, wenn gar keineäußere Verletzung vorhanden war und der Betreffende unmittelbarnach dem Unfälle ganz gesund erschien, daß also mit anderenWorten auch der Schreck als äußere Verletzung anzusehen ist.Man kommt auch immer mehr zu der Überzeugung, daß die wirk-lichen traumatischen Neuroseu oder Schreckneurosen in den meistenFällen eine ungünstige Prognose haben und hat die Pflicht, wennSimulation mit Bestimmtheit auszuschließen ist, für die Kraulenmit allen Mitteln einzutreten.

Zum Schluß hätten wir noch einer Anomalie zu gedenken, welchein den beiden letzten Decennien in wissenschaftlichen Kreisen großesAufsehen gemacht hat und vielfach studiert wurde, der konträrenSexualempfindung. Der Name stammt von Westphal, welcherwohl durch die Schriften des Asfessors Ulrichs auf die Anomalieaufmerksam gemacht wurde. Man versteht darunter Verirrungendes Geschlechtstriebes, die sich durch eine sexuelle Zuneigung zuPersonen des gleichen Geschlechtes geltend macht (Homosexualität).Es ist hier nicht der Ort, näher auf diese unglückliche Veranlagungeinzugehen, nur möge erwähnt sein, daß sich neben Schrenck-