Der Socialismus und die Parteien.
unerwartet die Macht in den Schoß fiele, weil wir nicht denPolitischen Reisegrad dafür besitzen". So ist die Socialdemokratieselbst in einer innerlichen Wandlung („Mauserung") begriffen vomRevolutionären hinüber zum Socialreformatorischeu. Es hat damitfreilich noch gute Wege, der Ungeduld der Lebenden zuliebe, diedas ueue auch ihrerseits uoch erleben möchten, bekennt man sichmit dem Mnnde noch immer zn den „Endzielen" nnd hanfiggenng auch zur Revolution in jedem Sinn; aber die Kugel iftim Rollen, und darum ist es heute auch von der Gegenseite herweder nötig noch taktisch klug und nützlich, den Teufel der Revo-lntion an die Wand zn malen nnd mit dem hauenden Säbel undder schießeudeu Fliute uoch fernerhin zu drohen; man müßte dennnur selbst eine solche Revolution wünschen und provozieren wollen.
Ans all' dein ergeben sich nun aber auch in der Stellungnähme der anderen Parteien und der öffeutlichen Meiuuug zu demSocialismus eigenartige Verschiebungen uud Kreuzuugeu der Fädenhin und her. Daß zwischen Bismarck und Lassalle zur Zeit, alsjener im heftigsten Konflikt mit der Fortschrittspartei stand, Be-ziehungen angeknüpft wurdcu, ist schon erwähnt; nnd ebenso das;die Kreuzzeitung das Auftreten Lassalles wie das eiues Bundes-genossen begrüßt hat. Überhaupt aber zeigten einzelne Mitglieder derkonservativen Partei früher ein Verständnis für die socialistischenIdeen als die Liberalen: neben Huber und Rodbertus wären hiernamentlich noch Lothar Bncher nnd Wagener zu neuueu. Aber dergroßen Masse der Konservative fehlte es daran doch ebenso wieallen anderen, weshalb die beiden ersten sich ganz von der Parteizurückzogen uud Wagener, der Begründer der Kreuzzeitung, überdiese Verstäudnislosigkeit seiner Parteigenossen wenigstens häusiggenug Klage führte: sie begriffen den Übergang Deutschlands vomAckerbau- zum Industriestaat nicht und hatteu ohnedies nur fürjenen uud ihre damit verbundenen Interessen ein Herz, nicht abersür die Industrie uud ihre Bedürfnisse. Dazu kamen die liberalenForderungen der Socialdemokratie, ihre negativ kritische Stellungznm bestehenden Staat und bald auch ihre antimonarchische nnd demo-kratische Haltung, die sie den Konservativen geradezu verhaßtmachte. Immer mehr konnten sie sich dasür auch ans den späteren