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Die geistigen und socialen Strömungen des neunzehnten Jahrhunderts / von Theobald Ziegler
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Nach 1871: äs sit-ols"

er die uralte, min aber neu gewordene Lehre von der Wiederkunftdes Gleicheindieses Leben, wie du es jetzt lebst nnd gelebt hast,wirst dn noch einmal und noch unzählige Male lebeu müssen; nndes wird nichts Neues daran sein, sondern jeder Schmerz und jedeLnst und jeder Gedanke und Seufzer und alles unsäglich Kleineund Große deines Lebens muß'dir wiederkommen, und alles inderselben Reihe und Folge und ebenso diese Spinne und diesesMondlicht zwischen den Büninen, und ebenso dieser Augenblick undich selber. Die ewige Sanduhr des Daseins wird immer wiederumgedreht und du mit ihr, Ständchen vom Staube". Voreiner solchen Wiederkehr nnd Wiederholung seines Lebens grauteaber Nietzsche , diesem Manu der Schmerzen und des Leidens;gerade sür die Edleren und Feinempfindenden, die am Leben leiden,ist der Gedankezunächst zerdrückend"; denn um dieses Leben wiederleben zu wollen, mnß man eS schon ganz besonders lieb habenund hochhalten, uud das ist Sache desGesindels, das kalt nnd ohneviel innere Not" ist. Und es ist Sache der Gesunden nnd Ro-busten, der Lebensfrohen und Glücklichen. Nietzsche aber war nichtgesnnd und stark, er litt am Leben. Aber eben deswegen thut ersich Gewalt an, als eine Feigheit muß es ihm erscheinen, an dieseLehre nicht glauben zu wollen; er glaubt hinfort mit Leidenschastan das, was ihm Leiden schafft. Allein um das zu können, umwieder leben zu wollen, nicht bloß wieder leben zu müssen, mußer - dieses Leben erst umschafsen; nnd wie er ist uud nichts halbthat, so macht er das Menschenleben nicht nur lebenswcrt, sonderngöttlich, die Apotheose des Lebens und des Menschen ist ihm Be-dürfnis.

Hier setzt die Lehre vom Übermenschen ein, die also für ihnzunächst nnr Auskunftsmittel und Trost, eine Art Hilfshypothescwar und erst allmählich mit seinem Eigensten erfüllt zn selbständigerBedentnng heranwuchs. Zwei oder gar drei Auffassungen des Über-menschen finden sich bei Nietzsche : eine darwinistisch-naturalistischeder Übermensch als Überart; hier gilt das Wortder Mensch istkein Ende"; dann aber eine zweite mehr persönliche, die der Denk-weise Nietzsches , seinem Aristokratismus und- seiner Ungeduldbesser entspricht und an den früheren Gedanken, daß das Genie