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Die geistigen und socialen Strömungen des neunzehnten Jahrhunderts / von Theobald Ziegler
Entstehung
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594
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7.94

Nach 1871: sieele^

zufälligste Reiz, das Genie, die That, das große Schicksal in dieWelt zu rusen. Was liegt dann an Umgebung, an Zeitalter, anZeitgeist, an öffentlicher Meiuuug"! Und nun wieder:der großeMeusch ist eiu Ende; die große Zeit, die Renaissance z. B. ist einEnde, Das Genie in Wort, in That ist notwendig einVerschwender: daß es sich ausgiebt, ist seine Größe".

Doch noch fehlt die Hauptsache, der Inhalt dieses Begriffsvom Übermenschen. Ihn bestimmt der Philosoph, der kein Mannder Wissenschaft uud der Gelehrsamkeit, kein historischer Mensch,sondern ein Künstler und ein Schaffender ist. Schon in seinerersten Periode hatte Nietzsche dem Philosophen die Aufgabe zu-gewiesen,auf die Verbesserung der als unveränderlich erkanntenSeite der Welt loszugehcn"; jetzt bezeichnet er es als seine AufgabeWerte zu schaffen:die eigentlichen Philosophen sind Befehlendeund Gesetzgeber, sie sagen: so soll es sein, sie bestimmen erst dasWohin nnd Wozu des Menschen, sie greifen mit schöpferischer Handnach der Zukunft, ihr Erkennen ist Schaffen, ihr Schaffen ist eineGesetzgebung, ihr Wille zur Wahrheit ist Wille zur Macht". Hierliegt der tiefste Gegensatz Nietzsches gegen Hegel und dessen bescheidenetheoretische uud historische Auffassung der Philosophie und ihrerAusgabe.

Jeue Schöpfermacht soll sich uun vor allein aus moralischem Gebietbewähren. Die Philosophen sind Psychologen und sind Moralistenoder vielmehrJmmoralistcn", denn die Wertschätzungen der freienGeister sind denen entgegengesetzt, die heute Maß und Gewicht sind.Also Jmmoralist, aber uicht iu dem Siuu, als ob er alle moralische»Werte abschaffen wollte, im Gegenteil der alten asketischenMoral stellt er eine nenc nnd vornehmere, die Moral des Willenszum Leben und zur Macht entgcgeu. Darin zeigt sich der ganzunhistorische, an die Aufklärung des vorigen Jahrhunderts erinnerndeZug in Nietzsche . Sitte, Sittlichkeit, Recht, Staat, Religion sindihm nicht die Produkte einer vieltansendjährigen Entwickelung,sondern Werke der Willkür Einzelner die alte Moral mit ihrenasketischem Idealen ist das Werk der Priester, der Philosoph imGegensatz zn ihnen der Schöpfer neuer Ideale. Eiu völliger Bruchmit dem Alteu ist möglich, eiu völlig ueuer Anfang ist nötig: dazu