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Die geistigen und socialen Strömungen des neunzehnten Jahrhunderts / von Theobald Ziegler
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Friedrich Nicpjche,

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bedarf es einescäsarischeu Züchters und Gewaltmenschen derKultur", und das ist der Philosoph, ist Zarathustra-Nietzsche selbst.So wächst ihm der Philosoph zum Übermenschen heran, nnd dieRolle, die er sich als Philosophen zuweist, entspricht durchaus demGrößen- uud Höhengefühl, das sich an derZarnthustrnfigur berauschtund schließlich ius Ungcmcsseue gesteigert hat.

Kraft dieses philosophischen Schöpferrechtes nimmt er nnn dieUmwandlung aller Werte vor. Das Moralproblem hatte ihn schonin seiner zweiten Positivistischen Periode lebhaft beschäftigt; damalshatte er im Zusammenarbeiten mit seinem Freund Panl Nee derGeschichte der moralischen Empfindungen im Sinne der englischenMoralisten nachgespürt und eine Zeitlang dem Utilitarismus inder Ethik das Wort geredet. Aber diese englische Moralphilosophiewär ihm rasch zu zeitgemäß, sie fand eben damals anch inDeutschland mit ihrem Prinzip des größtmöglichen Nutzens möglichstlucler zahlreiche Anhänger; sie war ihm auch als Socinleudämonismnszu altruistisch uud socialistisch, zu sehr auf die Masse, auf dieVielzuvielen zugeschnitten, zn demokratisch. Nicht um alle öderuiele, soudern um den Einzelueu war es ihm zu thun, er kämpfteden Kampf um den Einzelnen nnd den Kampf gegen das Herden-tier. Und dabei ist der erste Gegner, auf deu er trifft, der Socialis-mus. Ju diesem Gegensatz ist sich Nietzsche bei ihm eine Selten-heit immer gleichgeblieben; uud was er au ihm bekämpft, istanch immer dasselbe, die Gleichmacherei. Sein Kampf gilt also demDemokratischen nnd Liberalen daran dagegen ist ernntiliberalbis zur Bosheit". Im Zarathustra kommen die Prediger derGleichheit alsTaranteln" besonders schlecht weg:die Menschensind nicht gleich, so redet ihm die Gerechtigkeit";Pöbel-Misch-masch" nennt er das Ideal des Socialismus; ihm, der sich alshöherer Mensch fühlte, mußte die Nichtanerkennung der geistigenArbeit, die Abweisung der Ansprüche des Individuellen im Menschenbesonders unsympathisch sein. Für alles andere an dieser Bewegunghat er dagegen kein Auge: nieder ihre Ursachen noch ihre Zielekennt er wirklich oder bemüht er sich zu kennen, und so entgehtihm anch völlig, wieviel Kampf um den Einzelnen, wievielPathosder Distanz" von unten angesehen auch in ihr steckt.

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