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Nach 1871: äs sivele"
Wahrhaft grotesk aber wird das Mißverstehen dadurch, daßihm Socialismus und Anarchismus zusammen sallen und er sichüber den letzteren ganz besonders erbost. Denn genan soweit alser vom Socialismus abrückt, so uahe kommt er selber dem Anarchis-mus. Für den Staat von heute hat Nietzsche kaum ein gutesWort, das neue deutsche Reich überhäuft er mit Bosheit, Hohu undSpott; „wir guten Europäer" wollen nichts von nationalen Unter-schieden mehr wisseu, uud an Königen — „was liegt noch anKönigen"! Die Verbrecher, die ihm anfangs als atavistische Menschenerschienen waren, werden ihm zu krank gemachten starken Meuscheuoder zu starken Menschen unter ungünstigen Bedingnilgen, ihreTugenden sind von der Gesellschaft als Verbrechen gestempelt. Dastrifft doch geuau auf das Anarchistenbewnßtsein zu, und dennochsind ihm diese eine üble Rotte uud hassenswerte Gesellen. Hierliegt ein Widerspruch. Dein gegenwärtigeil Staat mit seinem demo-kratischen Tropfen Öls gegenüber mußte Nietzsche auf die Seitedes Aiiarchismus, der kühnen Katilinarier treten und ihn durch sienegieren lassen; allein dein widerstrebte seine vornehme Natur, ihmgraute vor diesen „Kanaillen", daS auch im Anarchismus steckendePrinzip der Gleichmacherei widerte ihn an. Und letzten Endeswar nicht die Anarchie, sondern die Herrschaft der Starken
und Mächtigen sei es in der Form einer Aristokratie und herrschendenKaste von höheren Menschen oder als Tyrannis, als Kraft- undGewaltsherrschaft eines Cesarc Borgia oder Napoleon I. das Zielseiner Gedanken. Dem entspricht denn nun auch die Moral diesesJmmoralisten. Im Gegensatz zur Schopenhauerschen Mitleidsmoralund znnl englischen Militarismus erklärt er, das Urteil „gut"rühre uicht von denen her, denen Güte erwiesen werde undnützlich sei; vielmehr seien es die Guten selbst gewesen, d. h. dieVornehmen und Starken, die Mächtigen und Höheren, welche sichselbst, ihre Art und ihr Thun als gut, als ersteil Ranges ansetztenim Gegeusatz zu allein Niedrigen, Niedriggesinnten, Gemeinen undPöbelhasten. Der Instinkt für den Rang, das Pathos der Vor-nehmheit und der Distanz hat also die Werte bestimmt lind denGegensatz vou gut und schlecht aus sich hervorquellen lassen. DerGrundtrieb der Moral ist der Wille zur Macht. Diese Mächtigen