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Die geistigen und socialen Strömungen des neunzehnten Jahrhunderts / von Theobald Ziegler
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Nach 1871:?in cls sit-els«

was der Herde nützlich ist, und ist das Mittelmaß, als böse gilt,was die Einzelnen über die Herde hinaushebt. Diese Verkehruugder moralischen Welt gilt es aufzuheben; und es ist höchste Zeit,denn durch den Staat und sein Strafsystem, durch das Christentumund seine asketischen Ideale werden nicht mir die Starken alsPerbrecher behandelt und angesehen, sondern sie selbst verkümmernund ersticken in dieser schlechten Lnft, in der drückenden Enge undRegelmäßigkeit der Sitte, sie stoßen sich wund an den Gitterstangenihres Käfigs, sie werden schwach und krank nnd dekadent. DieKnltur macht krank das ist der Rousseausche Zug iu Nietzsche;und diese Kultur ist eiue wesentlich christliche; darum Loi-Äse/.1'inlÄmo! weg mit der asketischen Moral des Christentums! dasist die Voltairesche Stimmung, ans der heraus sein letztes schonganz krankhaftes Werkder Antichrist" geschrieben ist. Alsglänzender Gegensatz dazu aber erscheint ihm die Renaissance,darin zeigt sich der ästhetische Aristokratismns Nietzsches . Nnd überallem schwebt der Geist Zarathustras, der ganz persönliche, siugulare,iudividuelle Geist Nietzsches, der erst selbst ein Dekadent nach jenerZeit der starken nnd vornehmen Adelsmenschen sich sehnt uud fürdie Zukunft den Übermenschen verkündigt, dann aber in nervöserUngeduld und grandiosem Größenwahn das alles dichterisch an-tezipiert und sich selbst als diesen alles neu schaffenden Philosophenund Übermenschen fühlt.

Die Wirkung Nietzsches .

Daß das einschlagen und wirken, daß diese Lehre vor allemdie Jugend mit sich fortreißen mnszte, versteht sich von selber. ImStaat, vor allein im deutschen Beamteu- und Militärstaat liegtdie Neigung zu »informieren; je stärker also der deutsche Staatseit 1866 uud 1870 uud in ihm der Geist des Militarismus uudder Beaintenhierarchie nnd je stärker das Staatsbewußtsein inDeutschland wurde, desto mehr wurde die Eigenart und das Rechtder freien Bewegung des Einzelnen gefährdet; Polizei und Staats-gewalt erdrücken bei uns die eigene Initiative, zur Selbsthilfe sindnur wenig geschickt, wir rufen sofort uach dem Staat. Und nnchim politischeu Liberalismus steckt eine stark antiindividualistische