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Die geistigen und socialen Strömungen des neunzehnten Jahrhunderts / von Theobald Ziegler
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Nach 1871: 6s sieeis

für die vielen, die ihn nicht mehr verstehen, der Individualist Schiller ,weuu er im Prolog zum Wallenstein von diesem sagt:

Sein Lager nur erkläret sein Verbrechen.Er selbst freilich hat uns im gleichen Stück auch gezeigt, wie manMilien und Individualität, den Notzwang der Begebenheiten mitder Freiheit des handelnden Einzelnen verknüpfen kann.

Was Ein Mann kann wert sein, habt ihr nun erfahrensteht auch im Wallenstein. Und so war es erst das moderneFrankreich , wo aus dem romanischen Geiste heraus nicht nur dieunbestreitbare Bedeutung des Milieus erkannt, sondern auch seineAllwirksamkeit verkündigt und das Individuum von ihm erdrücktnnd verschlungen wurde. Der Historiker Taine hat dem deu schärfstenAusdruck gegeben, in der fchöneu Litteratur ist Zola sein Haupt-vertreter. Nud wie iu Schillers Wallenstein häugt diese Betonung desMilieu auch hier zusammen mit dem Determinismus: vom Milieu be-stimmt und ans dem Milieu heraus soll der Einzelne erklärt werden:ist er ganz bestimmt und ganz erklärt, so bleibt für sein Eigenesnichts mehr übrig. Diese deterministische Stimmung ist aber auchvon wissenschaftlicher Seite her genährt nnd bestärkt worden: dieStatistik ist recht eigentlich die antiindividualistische Wissenschaftund Methode, mit Massen und großen Zahlen operiert sie, Durch-schnittszahlen gewinnt sie; nnd da sie vor allem Menschemnassenins Auge faßt nnddie Wissenschaft von den socialen Massen" ist,wobei fie gerade von den individuellen Differenzen der die socialenMassen koustituierenden Atome absehen muß, so ist sie recht eigentlichdie Methode der modernsten aller Wissenschaften, der Sociologie.Nun beweist die statistische Regelmäßigkeit auch in Fällen wieSelbstmord und Verbrechen den Determinismus freilich nicht, aberüberraschend uud erschreckend wie sie ist, verstärkt sie den deter-ministischen Zng, der vor allein von naturwissenschaftlicher Seiteher in unser Denken gekommen ist. Und auch der Philosoph glaubtseinem Kant und seinem Schopenhauer, daß iu der Welt der Er-scheinungen alles, auch jede einzelne menschliche Handlung deter-miniert sei; der Freiheit daneben noch im Reich des Jntelligibeln,in einer Hinterwelt also, eine Stelle zu lassen, erscheint dagegenden meisten als überflüssiger Luxus oder bedenklicher MystiziSmus.