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Die geistigen und socialen Strömungen des neunzehnten Jahrhunderts / von Theobald Ziegler
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Die Wirkung Nietzsches .

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Aber gerade, weil sich dieser Determinismus vor allem auf dienaturwissenschaftliche Betrachtung der Welt und des Menschenstützt, kommt ihm aus dem Darwinismus der Begriff der Vererbungeben recht, für den man sich ebenfalls auf Schiller, diesmal aufseine Braut von Messiua berufen kann. Was das Milieu alsunmittelbar Gegenwärtiges nicht zn leisten und zu erklären vermag,das schreibt mau nun auf Rechnung der Vergangenheit: zum Not-zwang der Begebenheiten kommt das Schicksal der Vererbung, dieauch den letzten irrationalen Rest des Individuellen beseitigt, indemsie es aus dem Milieu der Vergangenheit erklärt und ableitet.Milien uud Vererbung sind keine sich widersprechenden, sondern essind sich ergänzende Faktoren. Die Anwendung von allem diesemauf Sociologie, Geschichte, Kriminalistik hierfür neuue ich nebendem Italiener Lombroso nnr den Deutschen v. Liszt ist ja klar;von seinem Einfluß ans die poetische Litteratur wird alsbald dieRede sein, doch sei neben dem Namen Zolas auch hier schou dervon Ibsen genannt.

Unter dem Zeichen dieser Lehre vom Milien und von der Ver-erbung stand im Zeitalter des Socialismus und Darwinismus dieWelt, als Nietzsche kam nnd das hohe Lied vom Einzelnen saug.Freilich Determinist war auch er, von Rasse nnd Abstammungredete er nur zu viel; aber das stand nicht im Vordergrund, alsHauptsache hörte man doch mit Recht nur jenes sein Eintreten sürdas Individuum heraus. Nnn sagen heute viele namentlich derälteren: das braucht es gar nicht; einmal haben wir das schon vonSchiller und Humboldt, vou Goethe und Schleiermacher her ge-wußt; und zum zweiten liegt der Individualismus als Egoismus,als Wille sich durchzusetzen ganz von selbst schon in der Natur desMenschen und ist eher zu dämpfen als aufzurufen und zu stärken.Beides ist richtig. Aber jener ästhetische Jndividualismns unsererklassischen uud romantische Periode war untergegangen nnd ver-schüttet von dem Massenbewußtsein und Massengefühl der sechzigerund siebziger Jahre, übertönt von den demokratischen Gleichheits-fordernngen nnd den socialistischen und kommunistischen Zntnnfts-erwartnngcn. Und wenn sich auch das Ego uur zu sehr durch-zusetzen Pflegt im Leben, so handelt es sich eben nicht »in das