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Die geistigen und socialen Strömungen des neunzehnten Jahrhunderts / von Theobald Ziegler
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Nach 1871: äs sidole'

modern ist, Nietzsche ist ein Böcklin in Worten. Aber daraus kommtes hier nicht an, sondern nur überhaupt daraus, daß Nietzsche derschlottrigen Prosa gerade auch unserer Juugdeutschcu das Gegen-bild eines wirklichenStils" entgegengestellt hat. Er ist derKünstler der deutschen Prosa im guten, freilich auch im schlimmenSiun des allzu Künstlichen und Raffinierten. Und dieses souveräneSprachgefühl, es mußte saseiuieren und hinreißen, das Raffinierteund Pikante namentlich dort imponieren, wo dem überreizten Gaumenalles Einfache als langweilig und fad erscheint uud deshalb auchdas Einfachste in Pikanter Sauce serviert werdeu soll. Und Nietzscheist Aphorist, in der Art eines Montaigne nnd Larochefoueauld,eines Labruyere und Fontenelle, eines Vanvenargues uud Chnmfort:das war noch einmal etwas Neues uud etwas ganz Zeitgemäßes.Unsere überhastige Zeit hat zum Durchlesen ernsthafter Bücher keineZeit nnd keine Ruhe; da kameu ihr wie gerufen ganze Baude vollfeingeschliffener Aphorismen, die man nnr aufzuschlagen brauchte,um immer ein Ganzes zu finden und sie jeden Augenblick weglegen,auch jeden Augenblick in ihnen blättern zu können. Endlich aberhinter dem allem eine interessante und eine durch ihr Schicksalgeradezu tragische Persönlichkeit, die dadurch besonders reizte, weilsie sich in immer neue Masken hüllt und voll von Widersprüchenauch zum Widersprechen herausfordert; er selbst somit ein StückMenschliches allzu Menschliches, er selbst eine problematische Naturund interessanter noch als alle seine Bücher.

Eiu Wunder wär's zu uennen, wenn der Unzeitgemäße nichtzeitgemäß geworden wäre und nicht alle Welt hinter ihm dreiu liefe!Die Jugend und die Fraueu, die immer gauz besonders gern nachdem Neuesteil lind nach dem Paradoxen greifen und deuen dasEvangelium der Eigenmacht und der Kraft imponiert, heben ihnauf den Schild, begeisterte Verehrer nnd Verehrerinnen nehmenleidenschaftlich sür ihn Partei und schreiben Bücher zn seinem Rnhm,eine Frau, Lou Andreas-Salome hat ihn bis jetzt am bestenverstanden, Reiseprediger voll Pathos und Weihe tragen seineWorte uud Lehre» weiter lind unduldsame Nietzschepfasfeu brüs-kieren die öffentliche Meinung, die sich ihm nicht mit Haut uudHanreu gefaugeu giebt. So ist der Einsame, dem vor seinen ersten