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Die geistigen und socialen Strömungen des neunzehnten Jahrhunderts / von Theobald Ziegler
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Die Fragen der Schulreform.

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gefordert und teilweise von der sogenannten Universitätsansdehnnngs-bewegnng erhofft; ebenso führt man zwar vielfach das WortsocialePädagogik" im Munde, aber man weiß noch nicht, welchen Inhaltman ihr geben soll und was es bedeutet; und die Lehrer ließ manohnedies wciterhnngern, wo etwas Weniges für sie geschah, da gabman es widerwillig oder gar nur halb, wie in Berlin oder in demreichen Elsaß-Lothringen. Nur sür die vor- und nachschulpflichtigeJugend sing man langsam an besser zu sorgen, die freiwilligeErziehungsthätigkeit leistete in den Kinderhorten manches Erfreuliche.Aber nicht um diese Kinder des Volkes, sondern um die der oberenStände in den höheren Schulen handelte es sich diesmal.

Das deutsche Gymnasium in seiner heutigen Gestalt ist aus derneuhumanistischcn Bewegung hervorgegangen, in Preußen ein Kindder allgemeinen großen Bewegung von 1808, Johannes Schulze der, der ihm die feste Form gegeben hat. Aber noch bei seinenLebzeiten erfolgten heftige Angriffe auf dieses sein Werk. VomSüden her erklärte sich schon in den zwanziger Jahren der BayerFr. Thiersch gegendie neue Lehrweisheit in Preußen oder diegleichmäßige Steigerung des klassischen und realistischen Unterrichts"und tadelte daran zweierlei: einmal den Zweck, wonach die Schuleals Teil der Staatsmaschine betrachtet und darauf beschränktwerde, dem Staat die nötige Anzahl Diener des Altars sowie derGesetz- nud Heilkundigen und dergleichen zu liefern", andererseits dieGefahr der Überladung, Überspannung und Uberbietungbei deralle Glieder der Schule durchdringenden Aufregung und Anspannung,welche durch eine ununterbrochene und das Einzelne der Schuleumfassende Oberaufsicht getrieben und durch die strengste Kontrolleder Abiturientenprüfungen im Schwünge gehalten werde"; in diesemdampfmaschineuähnlichen Getriebe", in dem die realistischen Fächermit den klassischen Sprachenin gleicher Linie, Stärke, Bedeutsamkeit"erscheinen, sei Preußen im Begriff die wahre Bildnng zu verlieren.Kurz darauf erfolgte dann auch von medizinischer Seite derselbe An-griff, Lorinsers Aufsatzzum Schutz der Gesundheit in den Schulen"vom Jahre 1836 bezeichnete die Vielheit der Unterrichtsgegcuständeund der Unterrichtsstunden als eine große Gefahr für die in unseremmoderneu Leben ohnedies gefährdete Gesundheit der Jugend.

Zieglcr, die geistigen u, socialen Strömungen des 19. Jahrh. 39