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Die geistigen und socialen Strömungen des neunzehnten Jahrhunderts / von Theobald Ziegler
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Nach 1871: ,?in 6s siede

Noch wurde diesmal der Sturm abgeschlagen; aber schon 1843kam ein neuer. Hermann Köchly fand, wie schon erzählt, nochzu wenig Realistisches und zu viel lateinischen Formalismus inunseren Gymnasien, das Gymnasium müsse mit den Bedürfnissender Zeit in Einklang gebracht werden. Da er zu dem klassischenAltertum uicht mehr so intim stand wie die Neuhumanisten, sonderndem Geiste des Jahrhunderts entsprechend sich lediglich historischdazu verhielt, so wollte er im Jahre der großen deutscheu Nntioual-erhebuug das Deutsche iu den Mittelpunkt gestellt wissen und davondie andern Bildungsinittcl in zwei Gruppen, der historisch-ethischenund der mathematisch-naturwissenschaftlichen, sich anschließen lassen!so nur komme man zu einem modcrn-uuiversellen Bildungsprinzip.Allein wie so vieles aus diesem Jahr der Anläufe und Ausätzeblieb auch das zunächst pro nitiilo, die Reaktion ließ im allgemeinenalles beim alten. Dagegen erhielten alsbald nach Beginn derneuen Ära unter der Regentschaft des Prinzen Wilhelm die Real-schulen, über die in den Reaktionsjahreu die Sonne der Gnadenicht geleuchtet, die man vielmehr wegen ihres Zusammenhangs mitden Naturwissenschaften des Materialismus verdächtigt hatte, einefeste staatliche Organisation. Da aber im preußischen Beamtenstaatdie Berechtigung zum Eintritt auch in den niederen Staatsdienstfast durchweg au einige Kenntnis des Lateinischen geknüpft war,so enstand eine zweite lateinische Anstalt das Realgymnasium.Damit schien eines erreicht: Naturwissenschaster und Medizinerklagten über Vernachlässigung und Verkürzuug der Realien aufden humanistischen Gymnasien: nun hatte man neben den altendiese neuen Anstalten, auf denen jener Forderung Rechnung ge-tragen wurde. Und wirklich schien Ruhe einzukehren: die großeAufgabe nach 1866, in den neu erworbenen Provinzen unter mög-lichster Schonung des Bestehenden auch auf dem Gebiete des Schul-wesens die Assimilation an das in Preußeu Geltende herbeizuführenund ebenso nach 1371 in Elaß-Lothringen das französische dnrchdas deutsche Nuterrichtssystem zu ersetzen gelang über Erwartengut, und das freilich kaum halbwahre Wort vom Schulmeister,der bei Sadowa gesiegt habe, warf einen bescheidenen Strahl vomGlanz der politischen Erfolge auch auf die Schulen und ihre Lehrer.