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Die geistigen und socialen Strömungen des neunzehnten Jahrhunderts / von Theobald Ziegler
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Die Fragen der Schulreform.

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Der Kulturkampf der siebziger Jahre machte sich auch im Schul-wesen spürbar, aber er und der große Umschwung am Ende der-selben nnd zu Anfang der achtziger Jahre hielt die öffentlicheMeinung so sehr in Atem, daß das nur wenig beachtet wurde undin verhältnismäßiger Stille Änderungen im Lehrplan und PrüfungS-mesen vorgenommen werden konnten.

Aber es war nur eine Stille vor dem Sturm. Der Boden,auf dem das deutsche Gymnasium staud, war unterwühlt und dieFrage nur die, ob das Gebäude selbst morsch geworden sei unddes Abbruchs bedürfe. Im eigenen Haus waren die Gymnasial-lehrer selbst unzufrieden und sind es fast überall noch heute. DieVerstaatlichung der höheren Schnlen hatte auch sie zu Staats-beamteu gemacht, ihr Dienst war ein mühevoller, ihre Aufgabe, demStaat seine Beamten vorzubilden und überhaupt die leitenden Kreiseheranzuziehen, die wichtigste; und jenes Wort vom Sieg des PreußischenSchulmeisters bei Sadowa und Sedan hatte ihr Selbstbewußtseinmächtig gesteigert. Dazu stand aber weder ihr Gehalt noch ihrRang noch ihre Wertschätzung in den Augen des Publiknms imrichtigen Verhältnis; noch lastete auf ihnen in allen diesen Be-ziehungen etwas von der alten Mißachtung der Schulmeister wäh-rend dreier Jahrhunderte, und die anmaßliche Vorherrschaft desJuristenstandes, der in Deutschland überall regiert und bei seinemMangel an Fachkcuutnissen doch immer den Technikern die eigent-liche Arbeit zuweisen muß, empörte auch sie. So entstand erst einednmpfe Gärung, dann bildeten sich Vereine zur Hebung des Standesund es begann ein zäher Kampf gegen die Sparsamkeit der Finanz-minister, den Mangel an gutem Willeu bei den juristischen Vor-gesetzten nnd die Vorurteile des Publikums. Daß hierbei vielKraft auf Äußerliches verwendet wnrde, die sachlichen Interessender Schule darüber znrücktrateu, hohle Agitatoren an die Spitzekamen nnd das Publikum von den oft ins Kleine und Kleinlichesich verlaufenden Bestrebungen keinen günstigen Eindruck gewinnenkonnte, ist nicht eigentlich die Schuld derer, die sich erzwingenmußten, was ihnen freiwillig zu geben längst schon billig gewesenwäre, als vielmehr Schuld des Staates, der das versäumte.

Allein es trug doch das Seinige bei zn der allgemeinen Miß-

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