Druckschrift 
Die geistigen und socialen Strömungen des neunzehnten Jahrhunderts / von Theobald Ziegler
Entstehung
Seite
612
Einzelbild herunterladen
 

612

Nach 1871: cls sidels".

stimmung, die in den achtziger Jahren das Gymnasium traf unddas ganze höhere Schulwesen erschütterte. Noch einmal war esein Jnteruum, ein Streit der Schulen unter sich. Das Be-rechtigungswesen beherrscht das preußische, seit 1873 das ganzedeutsche Schulwesen, somit hängt das Gedeihen einer Schnlgattnngwesentlich ab von der Fülle der ihr staatlich zuerkannten Be-rechtigungen. Da war nuu sraglos das humanistische vor demRealgymnasium und der Realschule bevorzugt; namentlich demersteren bliebe« mit einer kleinen Ausnahme die Pforteu zumUniversitätsstudium verschlossen, speciell die Bitte um Zulassungseiner Abiturienten zum medizinischen Studium wurde immer wiederabgewiesen. Das empörte die Realschulmänner mit Recht, zumalda die Mediziuer selbst schließlich die Ablehnung nur noch mit demschlechten äußerlichen Grund, das alte Gymnasium sei das vornehmere,motivieren konnten; und da sich dieHumanisten" unnötigerweise andem Streit beteiligten und sich anstellten, als ob ihre Sache durchjeues Verlangen gefährdet sei, so entstand zwischen ihnen nnd denRealschulmännern ein erbitterter Kampf um dasGymnasial-Monopol", der ebenfalls heute noch fortdauert und unter dem dieSchule selbst und vor allem die klassische Bildung am meisten leidet.

Denn bereits hatte sich fast plötzlich gegen diese ein Sturmvvu ungewöhnlicher Heftigkeit erhoben. Zuerst kamen an den Hoch-schulen Naturwissenschafter uud Mediziner und erklärten, daß dieauf dem Gymnasium erworbene Vorbildung für ihre Zwecke nichtgenüge. Da sie aber aus dem schon angegebenen Grunde sich nichtauf das Realgymnasium verweisen lassen wollten, so verlangten sieVerkürzung des Unterrichts in den alten Sprachen und dafür eineweit stärkere Berücksichtigung der mathematischen und naturwissen-schaftlichen Fächer.Kegelschnitte, kein griechisches Skriptnm mehr"!so hat einer von ihnen diese Forderung formuliert. DieselbenMediziner aber klagten im Buud mit Müttern und Väternnamentlich der oberen Stände über Überbürdung der Schüler undgaben in einer von Waffen starrenden Welt durch den Hinweisauf die Gefährdung der Wehrhaftigkeit des deutscheu Volkes dieseuKlagen weit größereu Nachdruck, als dies vierzig Jahre zuvorLorinser hatte erreichen können. Und so rapid nahmen diese Über-