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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
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Fritz Reuter . 257

tionärer Lieder! Auch die Begnadigung zu 30 Jahreu Festung ge-hört noch immer zn den größten Ungeheuerlichkeiten der staatlichenInquisition in jenen Tagen einerweisen und gerechten Regierung",um so mehr, als Preußen den Mecklenburger wegen seiner in JenabegangenenVerbrechen" so furchtbar hart strafte. Trotz den Re-klamierungen seiner heimischen Negierung schleppte die preußischeJustiz den Armen auf den Festungen Silberberg, Glogau, Magde-burg (wo er am schlimmsten gequält wurde) und Graudenz umher,bis ihn endlich der Großherzog zur milden patriarchalischen Haftin Dömitz ausgeliefert erhielt. Nach dem Regierungsantritt FriedrichWilhelms IV. entließ ihn sein Landesherr aus dem Gefängniseine hochherzige Verletzung seiner Verpflichtung, die preußische Be-gnadigung abzuwarten, für die das deutsche Volk dem kleinenTy-rannen" in Schwerin ewig dankbar sein sollte.

Aber Reuters Leben schien für immer zerstört. Er hatte sich inDömitz in die Tochter des alten Kommandanten v. Bülow verliebt;aber welche Hoffnung hatte der gestrandete Hochverräter? Er hatteans der Festung allerlei Studien getrieben, juristische, kameralistische,gezeichnet und gemalt, aber nichts recht gelernt wo sollte Stimmungund Sammlung herkommen? Er hatte sich in seiner Verzweiflungdem Trunk ergeben, dem er schon in Jena geneigt war, und dieswuchs sich jetzt zu einer unüberwindlichen Krankheit aus. Haltlosirrte er umher, versuchte sich als Ökonom (seineStromtid "), alsPrivatlehrer, als Journalist, alles mit geringem Erfolg. Doch demVersinkenden ward unerwartete Rettung. Lnise Kuntze, die Tochtereines Predigers, wagte es, ihr Leben mit dem des moralisch undgesellschaftlich schwankenden Mannes zu verbinden, der fast schonzu einem jener typischen ,rats8° herabgesunken war, zu eiuem halbcynischen, halb elegisch-sentimentalen Lebensverfehler, wie sie derZeitroman so oft malt. Ihr Beistand und noch mehr ihr Vertrauenhob ihn. Der Privatlehrer in Treptow an der Rega hatte (1853)seine alte journalistische Übung im Erzählen und Reimen von Anek-doten benutzt, um eine Sammlung vonLäuschen und Rimels"(kleine Erzählungen und Reimereien) herauszugeben. Sie wurdenmit ungeheurem Jubel ausgenommen, wenn auch zunächst nur inder plattdeutschen Heimat. Sie thaten in Mecklenburg und Pom-mern den Landwirten und Kleinstädtern denselben Dienst, den zehnJahre früher in den Großstädten Norddentschlands Auerbachs Dorf-geschichten geleistet hatten: sie versetzten die Leser in eine große

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