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1840—18S0,
völlig gewiß, anlegte und in rastloser Arbeit durch sein ganzesLeben fortführte, sind kein Außenwerk, wie etwa Grillparzers Apho-rismen, sondern recht eigentlich die Basis aller seiner Schriften;ja kaum ist es übertrieben, wenn ich alle Dichtungen Hebbels nur einen Kommentar zu seinen Tagebüchern nenne. Die Leiden-schaft also, mit der Hebbel den großen Rätseln der Weltregie-rung, des Daseins, der -Geschichte, der Kunst nachspürt, steigertsich zur Fieberhitze künstlerischer Eingebung, sobald ihm Gestaltenoder Vorgänge begegnen, die zu einer symbolischen Beantwortungjener Fragen geeignet scheinen.
Seine dichterische Praxis, wie sie aus seiner Individualitätund aus seiner Knnstlehrc hervorgeht, ist diese. Ein starkes Be-dürfnis nach Poesie erfüllt sein Leben:
O Muse, die mein Herz bewegt,Die meine tiefste Kraft erregt,Mir wird zum Sterben bcmg uud weh,Wenn ich dich einen Tag nicht seh'.
Was ihm aber vorschwebt, ist nicht ein einfaches intensivesErschauen von Gestalten, wie es E. Th. A. Hoffmann verlangte, son-dern ein faustischer Einblick in das, was die Welt im Innerstenzusammenhält. „Denken und Darstellen, das sind die zwei ver-schiedenen Arten der Offenbarung." „Die Kunst ist die realisiertePhilosophie, wie die Welt die realisierte Idee." Wohl erwächst dieDichtung aus der Anschauung und hat es mit dem Leben zu thun;aber nicht ein bloßes Nachschaffen der äußeren Vorgänge strebt siean, fondern eine Abspiegelung des gesamten Weltgetriebes mit seinenverborgenen Räderwerken. Auf die ganze Welt also soll sich dasAuge des Dichters richten; und hier tritt Hebbel zu seiner Zeit inden schroffsten Gegensatz, indem er ein bloßes Abmalen der Gegen-wart abwehrt. „Die Erscheinungen und Gestalten, die der Dichterschafft, soll er immer auf die Jdeeu, die sie repräsentieren, undüberhaupt auf das Gauze und Tiefe des Lebens und der Weltzurückbeziehen."
Insbesondere ist es nun die Aufgabe der lyrischen Poesie, „dasmenschliche Gemüt im Tiefsten zu erschließen, seine dunkelsten Zu-stände durch himmelklare Melodien zu erlösen". Die Weltschmerz-dichtung so gut wie die Tendenzpoesie fiel vor dieser Auffassungdanieder; Goethes und Uhlands Lyrik bestand. Hebbels eigenelyrische Praxis aber konnte diese Muster nicht erreichen. Sein-