Das Vollkommenste Bild eines Sehers aus den primitivstenZeiten, der sich nur als ein Gefäß höherer Inspirationen fühlte!Er hört beim Dichten Melodien, er hat Gesichtserscheinungen, beidem ersten Akt seiner Genoveva habe ihm beständig die Farbe einesHerbstmorgens vorgeschwebt, beim Herodes vom Anfang bis zumEnde das brennendste Not. Als er den Epilog zur Genovevadichtete, da habe er eine angeschossene Taube fliegen sehen . . .
Und daneben wieder so viel von der Überklarheit seiner Zeit,
bis zur eigenen Beängstigung:
Dies steht so klar vor meinem Geist,Daß, wenn ich's minder hell erblickte,Das Werk vielleicht mir besser glückte! —
Wiederholt hat Hebbel selbst über die Mischung vou Naivetät undbewußter Reflexion in der Kunst gehandelt. Hier steckt der Schlüsselseiner ganzen dichterischen Eigenart, hier seine Verbindung mit derKunst seiner Zeitgenossen und sein Gegensatz zu ihr.
Hebbels Produktion ist uicht, wie die der meisten echten Künstler,aus einem naiven Bedürfnis des Nachschaffens erwachsen. Wasihn erregte, war die Stimmung, in die fremde Dichtungen ihn ver-setzten: Bürgers Leuore, des Sängers Fluch, das Glück von Eden-hall, auch Berichte wie die Leidensgeschichte Christi. In solcherpoetisch gesteigerten Stimmung wurden ihm plötzlich Dinge klar,deren Verworrenheit ihn bisher geängstigt hatte. Er fand in derprägnanten Erzählung des Dichters eine symbolische Erklärung fürzahllose Einzelfälle, die ihn bisher in ihrer dunklen Massenhaftig-keit bedrängt hatten. Er begehrt nun nach dieser Stimmung umdieses Lohnes willen. Mit dieser Auffassung der Poesie als einesWerkzeuges zur Ergründung der Weltgeheimnisse kehrt Hebbel zuder urältesten Anschauung zurück, die in den Urzeiten Poesie undWissenschaft als Zwillingsgeschwister der Menschheit in die Wiegelegte, und zugleich wird er der Vorläufer einer neuen Schule, diein sehr verschiedener Färbung zu dem Experimentalroman Zolas und zu dem Experimentaldrama Ibsens führt.
Hieraus geht jene wunderbare Mischung von Naivetät undbewußter Reflexion hervor. Das Grübeln, Sucheu, Fragen liegtall seiner Produktion zn Grunde. Daher in seinem Stil dasJnquisitionswesen, das Zerreiben, wie Erich Schmidt es ausdrückt,die nackte Problemstellung uud Formulierung. Die Tagebücher,die der Zweiuudzwanzigjährige, seiner künftigen Unsterblichkeit bereits