286 1840—1850.
mag ich wenigstens nicht den Meisterstücken gleichzustellen, in denenBürger, Goethe, Uhland die individuelle Stimmung, die Atmosphäreeiner einzelnen Begebenheit so unnachahmlich wiederzugeben wußten.
Mit den Gesetzen der epischen Dichtung hat sich Hebbel amwenigsten beschäftigt. Vielleicht war das kein Nachteil; von doktri-nären Voraussetzungen unbeirrt kam er so von den verzwicktenErzählungen in Tieckscher Manier zu der einfachen Schlichtheitseines kleinen Epos „Mutter und Kind" (1859). Mit „Herrmannund Dorothea" hätte man freilich das anmutige Werkchen schonwegen der viel blässeren Charakterzeichnung nicht vergleichen sollen.Die beiden Ehepaare, der reiche Kausmann mit seiner melancholischenGattin, der tüchtige Fuhrmann und seine thätige Frau, sind rechtschematisch einander gegenübergestellt, wobei übrigens in der Schil-derung des luxuriösen Heims sich Hebbels hyperbolische Art nichtverleugnet. Aber die Anmut der gegenständlichen Erzählung uuddas warme Gefühl, das der glückliche Gatte und Vater der Schil-derung hänslichen Behagens lieh, entschädigt sür solche Mängel undmacht auch die etwas gewaltsame Art, wie die eigentlich tragischangelegte Fabel zu friedlichem Behagen umgebogen wird, zu eiuerliebenswürdigen Schwäche.
Als die höchste Form der Poesie bezeichnet Hebbel mit Ent-schiedenheit das Drama; es ist ihm der Gipfel der Kunst überhaupt.„Das Drama stellt den Lebensprozeß an sich dar." Den Lebens-prozeß — nicht einfach das Leben: vielmehr den Konflikt des Lebens,d. h. der individuellen Lebensbethütigung, mit der dauernden All-gemeinheit. Von hier gelangt Hebbel zu seiner eigentümlichen Auf-fassung der „Schuld" und des „Tragischen". Nicht in dem Inhaltdes menschlichen Wollens liegt die dramatische Verschuldung, sondernunmittelbar in dem Willen selbst, „in der starren, eigenmächtigenAusdehnung des Ich, so daß es dramatisch völlig gleichgültig ist,ob der Held an einer vortrefflichen oder einer verwerflichen Be-strebung scheitert". Das Wollen selbst ist, wie bei Schopenhauer ,Sünde, weil das Individuum durch das Wollen selbst sich stärkergeltend zu machen sucht, als die Welt verträgt. Sie bedarf aberdennoch auch wieder der Judividualitäten, und gerade hierin liegtdie Tragik, daß ein Individuum Dinge vollbringen muß gleichsamim Welthistorischeu Auftrag, mit deren Vollbringung es sich dochselbst vernichtet. „Das Ärgernis muß kommen, aber wehe dem,durch den es kommt!" Gerade hierin sieht Hebbel den Unterschied