Druckschrift 
Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
Entstehung
Seite
287
Einzelbild herunterladen
 

Hcbbcls Drama.

287

des neuen von dem alten Drama,daß die dramatische Dialektiknicht bloß in die Charaktere, sondern unmittelbar in die Idee selbsthineingelegt wird".

Eigentlich giebt es also nur ein tragisches Motiv: denKonflikt des Einzelnen mit der Welt. Da aber diese sich ver-ändert, verändern sich auch die Formen des Konflikts. Für jedenhistorischen Moment zwar, für jede Weltlage giebt es eigentlichimmer nur ein Drama, oder mindestens innerhalb jeder socialenSphäre uur eins. Aus solchen Erwägungen heraus gelangte Hebbel zu dem Plan eines weltumfassenden dramatischen Cyklus einPlan, der uns wieder sowohl Richard Wagner als die NomancyklenHeinses, Novalis ', Zolas in Erinnerung bringt. Er dachte ineiner großen Kette von Tragödien den Welt- und Menschenzustandin seinem Verhältnis zu der Natur und zum Sittengesetz, demwahren wie dem falschen, auszusprechen". Zu diesem Cyklus ge-hörenJudith",Genoveva",Maria Magdalena", die nur inihrem Zusammenhang ganz verständlich sind.Das Trauerspielin Sizilien", derDiamant" und derRnbin" bilden eine anderekleine Kette, die die Nichtigkeit der Lebensverhältnisse anschaulichmachen soll ein komischer und tragikomischer Cyklus neben demtragischen.

Schon der Gedanke des Cyklus hält dem Dichter denJdeen-hintergrnnd" immer gegenwärtig. Aber auch sonst mischt sich dieReflexion schon in die Konzeption des Dramas. Wohl sucht erin langer Betrachtung seine Figuren genau kennen zu lernendas Hauptmittel der großartigen Technik Ibsens und rühmtesich, wohl zu wissen, welche Eigenheiten die schöne Agnes als Kindhatte, wie der alte Herzog Ernst erzogen worden sei, er kenne diedummen Streiche des Kuabeu Gyges, und Rhodope habe ihm vielevon ihren Träumen erzählt. Aber die Kenntnis der Figuren bleibtihm Mittel zum Zweck.Das Hauptvergnügen des Dichters be-steht für mich darin, einen Charakter bis zu seinem im Anfangvon mir selbst durchaus nicht zu berechnenden Höhepunkt zn führen,und von da aus die Welt zu überschaueu." Immer wieder hebter es hervor, wie er von seinen Gestalten lerne, wiein derKunst das Kind den eigenen Vater erlöst vom irdischen Dunst".Aus dieser Sehnsucht, durch seine Figuren erlöst zu werden, ist jaseine ganze Produktion geboren; hierauf beruht für ihn die vonihm oft und stark hervorgehobene befreiende Kraft der Kunst. Er