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1840-1850.
muß den Schatten Blut zu trinken geben, damit sie ihm wahr-sage». So ist in Hebbel die Leidenschaft des Fragens, die faustischeWißbegier des modernen Menschen znm höchsten Ausdruck gelaugt.Aber gerade weil der Dichter mehr verlangte, als die Kunst an sichgewährt, weil sie ihm mehr Mittel war als Zweck, hat er die künst-lerische Höhe seines Antipoden Grillparzer nicht erreicht; am Endehing er doch ab von Kreaturen, die er machte, während der Dichterder „Libussa" über seinen Gestalten stand.
Der äußere Anlaß zur „Judith" (1839, erschienen 1841),Gntzkows „Saul", gab Hebbel zum erstenmal Gelegenheit, seineIdeen über das Drama praktisch zu verwerten, und zugleich einStück seiner großen Jdeenkette in feste Form zu schmieden.
Ein Hauptproblem zieht sich durch den Cyklus seiner Drameiner nennt es selbst den zwischen den Geschlechtern anhängigen großenProzeß. Der Gegensatz der beiden Geschlechter ist ja seitdem —vor allem bei Strindberg und seinen Nachfolgern — ein Haupt-tummelplatz philosophisch-litterarischer Künste geworden; für Hebbel ist er noch einfach ein Teil der Weltlage, ein Faktor der dauern-den Verhältnisse. Zwischen Siegfried und Brünhild wird dieserKampf zu Ende gefochten; zwischen Judith und Holofernes spieltseine erste Phase. Das männliche Geschlecht vertritt das „echteursprüngliche Handeln", das weibliche „das bloße Sich-Selbst-Her-aussordern" — das krampfhafte Steigern zur Unnatur, dem Hebbel auch auf dem Boden der damaligen Frauenbewegung uud Frauen-litteratur schroff ablehnend gegenüberstand.
Eine mächtige Natur von völlig ungebrochener Kraft, sollHolofernes die Männlichkeit als solche darstellen, „der erste undletzte Mann der Erde ". Seine ungeheure, nach allen Seiten sichausreckende Persönlichkeit findet aber ihre Grenzen in der Weltund Zeit, der er angehört. Die grenzenlose Kleinlichkeit dieserEpoche, die der König Nebukaduezar mit den Juden von Bethulieuteilt, treibt ihn in maßlose Selbstvergötterung — und dadurch insein Verhängnis. In dieser Welt ist ihm nur ein Wesen gewachsen:Judith, die keusche, scheue Weiblichkeit, deren Gewalt sie unnahbarmacht. Aber die Zeit ist zu niedrig, als daß sie wie eine Jeanued'Arc tapferen Kriegern begeisternd vorangehen könnte. Sie mußHolofernes mit eigener Hand töten, und um dies zu können, mnßsie sich zu eiuer Handlungsweise aufstacheln, die weit jenseits derGrenzen ihres eigenen Wesens liegt. Nicht bloß Mörderin wird die