Hcbbels „Judith
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Heilige, auch ihr Gefühl selbst verwirrt sich, sie muß sich dem hin-geben, den sie haßt — und bewundert, muß ein Kind im Schoßtragen, das den Vater rächen wird, wie das Kind Etzels und Kriem-hildens seiner Mutter zum Verderben wird. Holofernes, ganz aufkörperliche, sinnliche Kraft gegründet, geht nur körperlich zu Grunde;Judith , die ganz untertauchen wollte in dem Ewigen aus Abscheu vordieser schmutzigen Welt, muß zu ihrer That durch die Sünde gehenund, tief zerrüttet, durch die That selbst gestraft werden. Beidevernichtet die kleine Welt, die beide verachteten: Holofernes, der siezerschlägt, Judith , die sie flieht; und übrig bleiben die jämmerlichenBürger von Bethulien, um ihre Schafe zu weiden und Kohl zupflanzen.
So groß das gedacht ist, so völlig ist es in der Ausführungmißraten. Der gigantische Holofernes ward zu einem lächerlichenPopanz, der sich in bombastischen Rodomontadcn ergeht und sichzum Spaß auf den glühenden Rost legt, um zu fühlen, wie dasthut. Judith ist „nur gedacht"; nirgend wird sie lebendig, so aus-führlich sie auch jede Regung ihrer Seele uns vordemonstriert.Dazu die unerträglich zugespitzten Reden der verhungernden Bürger,die sich mit Witzchen und Hyperbeln überfüttern; das Ganze über-gössen mit einer blutroten Sauce aller erdenklichen Greuel. Selbstdie Scenen, die Hebbel später noch gelten lassen wollte, die Volks-scenen und die des Propheten (diese letzteren sind wohl das Beste),leiden unter der Maßlosigkeit, der Überdeutlichk^it, mit der derDichter fortwährend unterstreicht nnd das Publikum stößt undrüttelt, damit es nur ja recht versteht. Dabei ist eine sichereBühncnbeherrschung nicht zn verkennen; nnr mit zu langen undzu absichtlichen Monologen hat Hebbel hier, wie immer, gesündigt.
Die „Genoveva" (1840) hängt mit der „Judith " und mit„Maria Magdalene " eng zusammen. Sie repräsentieren drei Mo-mente der Weltgeschichte: Altertnm, Mittelalter, Gegenwart unddamit zugleich fortschreitende Stadien der allgemeinen Gebunden-heit. Holofernes wütet über den ganzen „Ordis anticiuus«; Geno-veva läßt noch immer den Orient in den Occideut hineinspielen;die Tischlerfamilie hat nie über den engen Horizont ihres Städt-chens hinausgeblickt. Von den Feldherren nnd Priestern kommenwir zu den Rittern und dann zu den Handwerkern.
„Genoveva ist eigentlich ein zweiter Teil der ,Juditb/, erführt das leidende Opfer, die Heilige, vor, wie diese das handelnde,
Mcycr, Litteratur, lg