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1840-18S0.
die Heroine, die tötend stirbt, und beide zusammen schließen so denKreis der jüdisch-christlichen Weltanschauung ab." Der Wurzelnach ist dies Drama bei Hebbel sogar älter als die „Judith". Aberdas Hauptinteresse des Dichters liegt diesmal nicht in der Kon-trastieruug der Geschlechter, sondern in der Einzelsigur des Golo,obwohl Genovevas Schicksal sicherlich das erregende Moment fürdie Konzeption des Dramas war.
Wir werden in einen Zeitpuukt maßloser Leidenschaftlichkeitund Begehrlichkeit versetzt. In dieser düsteren Welt steht Genovevaganz allein. Sie ist wieder eine Einzige, wie fast alle Haupt-figuren Hebbels : wie Holosernes, wie Agnes Bernanerin, „dasreinste Opfer der Notwendigkeit", wie Siegfried und Brnnhild, „dieletzte Riesin und der letzte Riese". Ihre Reinheit soll die Weltentsühnen; damit sie dies aber könne, muß sie das Furchtbarsteleiden. Golo, die Verkörperung männlicher Leidenschaft, und Mar-garete, die leibhaftige weibliche Verderbtheit, muffen die Werkzeugeihres Verderbens, ihrer Heiligung werden. So spricht (am Schlüssedes vierten Aktes) der Geist die dramatische Formel Hebbels inaller Bestimmtheit aus. Diese Formel hätte nun auch wohl mitder herkömmlichen Genoveva-Fabel verwirklicht werden können.Aber es widerstrebte dein Dichter, die Schönheit und Tugend ein-fach an gegnerischer Schlechtigkeit untergehen zu lassen. Geradeihre Vollkommenheit selbst muß ihr Schicksal besiegeln. Deshalbdarf Golo kein heuchlerischer Lauerer sein, sondern ein Idealist,den uur der Anblick dieser reinen Frau entzünden kann. Wäresie nur schön nnd dabei kalt — er bliebe kühl; aber er mußZeuge sein, wie sie auch der zartesten menschlichen Gefühle vollist: der Abschied von ihrem Gatten löst von den Lippen der scham-haft verschwiegenen Fran Worte inniger Liebe. Wie nnn geradedies Golo erregt, wie heiße Sinnlichkeit — Hebbel kannte sie nurzu gut, und gerade damals nur zu gut — und ein steigenderIdealismus sich wechselseitig entzünden, das ist mit Meisterschaftgemalt. Der Dichter liebt solchen jähen Umschlag; auch sein Judas (im „Christus") sollte der Gläubigste von allen Aposteln sein. Einwenig wirkt die alte Tradition der Hegelianer nach, die aus Theseund Antithese die Synthese entstehen lassen; stärker sind die Psycho-logischen Wurzeln dieser Gewohnheit in Hebbels eigener wilderLeidenschaftlichkeit: vom beunruhigendsten Zorn sahen ihn seineFreunde zum sanften Kuß übergehen. — Leider verwickelt sich nun