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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
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Gencweva".

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das Drama in ein langgesponnenes Intrigenspiel. Der Dichtergefällt sich darin, Golo durch alle Situationen zu schleppen, diedie Zwiespältigkeit seiner Natur erhellen können, ihn mit Gott undmit einer Tenfelin in Zwiesprache zu bringen, mit guten und bösenDienern und vor allem in endlosen und oft höchst spitzfindig überSchurkenrecht, Nichts und Ehe spintisierenden Monologen mit sichselbst. Genoveva bleibt die fleckenlose Heilige, aber ihr irdischesDasein vernichten der Kampf, die Entbehrung, endlich die Erregungdes Wiedersehns. Die Nebenfiguren sind ziemlich trocken und sche-matisch gezeichnet; am höchsten stellte Hebbel später auch hier dieProphetensceue, die des tollen Claus: solche Situationen, in denendie Verzückung den Menschen über seine irdische Begrenzung her-ausreißt, gelingen ihm, weil sie seiner liebsten Erfahrung entsprachen.

WährendJndith" inkörniger Prosa" geschrieben ist, ergehtsichGenoveva" in melodischen Versen, wie sie Hebbel erst imGyges " wieder und dann nicht mehr gelungen sind. Jene Ge-schmacklosigkeiten und Übertreibungen, die die Zeitgenossen an Grabbeerinnerten, hält aber der Vers so wenig fern wie die Prosa; esheiszt von Siegfried, daß erden Stern der Welt ans Knopflochheftet wie ein Vergißmeinnicht", und Zeilen kommen vor, derentragikomische Wirkung gerade durch die starke Absicht des Effektserreicht wird:

Dann, Ehweib, sei verflucht! (halb schaudernd um) Verflucht? (stark) Verflucht!

Oder:

Das gauze halbe menschliche Geschlecht.

Aber das dritte Glied des Cyklus,Maria Magdalene "(1344), bedeutet eine Höhe, wie er sie nur noch einmal mit demGyges " erreicht hat. Von den beiden anderen (und dem ebensallsälterenDiamant") unterscheidet es sich wesentlich, und Hebbel er-kannte wohl, wodurch. Er hat sich hier auf das strengste konzen-triert, seiner Versuchung widerstanden,ans jeder Seite das Resultatdes Dichtungsprozesses zu geben", uud das Stück ist so recht zumUnterschied von fast allen anderen Werken seines Autors,ganzBild, nirgends Gedanke" geworden. Vor allem war er darausstolz, daß die Figuren alle im Recht seien, selbst Leonhard, derbloß ein Lump, kein Schnft" sei und aus der Notwendigkeit seinergemeinen Natnr mit einer gewissen Naivetät handelt. Gerade derTugendstolz einer kleinbürgerlichen Familie ist die Achillesferse, indie die Umgebung ihre vergifteten Pfeile schickt. Meister Anton in

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