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1840—18S0,
seiner strengen Biederkeit, in seinem eisernen Rechtsgefühl, in demTrotz seiner Unabhängigkeit wird zum Verhängnis für all dieSeinen, die Gattin, den Sohn, die Tochter. Denn die „Welt", dieihn einschließt, hält ihn so eng umklammert, daß er bei der geringstenBewegung sich die Stiru einstoßen, oder, um Raum zum Atmenzu gewinnen, alle niederdrücken mnß. Wie in jener schaudcrvollenHöhle, in die die indischen Anführer Hunderte von Eugläudern mitWeib und Kind einsperrten, sind hier in dieser zum Ersticken engeuWelt alle aneiuandergedrängt; sie bedürfen der Luft, eines freienMomentes — aber bei dem Versuche ersticken sie. Der Vater hateinmal einem Diener der Obrigkeit gegenüber seinen Bürgerstolzherausgekehrt; der Sohn hat sich für die dumpfe Regelmäßigkeitdes Lebens im Vaterhause durch einige» Leichtsinn entschädigt, dieTochter hat sich durch den Schein der Liebe zu einem Fehltrittverführen lassen. Aus diesen Vergehungen erwächst die vernichtendeWirkung. Leonhard, der Repräsentant der typischen Niedrigkeit derWelt, konnte noch alle retten; auf den Knieen fleht ihn die durchseine Schuld Gefallene in der mächtigsten Scene des Stückes an,sie „ehrlich zn macheu", sie zu sichern vor dem Hohn der Weltuud vor dem Fluch des Vaters, der diesen Hohn nicht ertragenkonnte; der Sekretär sucht Leonhard zu zwingen — es ist allesvergeblich. Keine Rettung für die Arme. Der Sohn mag sichnoch in eine weitere Welt retten, indem er das bißchen „gesicherteExistenz" drangiebt. Clara wird aus der Welt gedrängt, und derauf sie einst so stolze Vater, der sie dazu zwang, versteht die Weltnicht mehr, die lebenslange Ehrlichkeit so lohnt. Aber die Welthandelt nach ihren Gesetzen, und das starke Wollen auch des Brav-sten kann sich gegen sie nicht behaupten.
Hebbel hat den Namen eines Realisten nicht annehmen wollen.Nur in der Psychologie sagte er sich Realismus nach; für die Weltgestand er der Phantasie das Recht zu, statt der „bunten Kette vonErscheinungen, die jetzt existiert", ueue zu erfinden; so hat er indeu „Nibelungen" die Mythen der Wirklichkeit völlig gleichgestellt.Hier aber ist er Realist im strengsten und höchsten Sinne, undwenig, was unsere Tage als „realistisches Drama" rühmen, kanndiesem Meisterstück gleichgestellt werden. Diese Gestalten leben, derMeister Anton vor allein, aber anch die Nebenfiguren bis zu denPolizeidieuern herab; fällt hin und wieder einmal Hebbel noch inden Fehler allzu förmlicher Rede — besonders gerade bei Anton