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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
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Maria Magdalcnc"

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so überhört man das in dem zwingenden Gang der Entwicke-lung. Daß ein Vorgang zu Grunde liegt, den Hebbel in München selbst in dem Haus, das er bewohnte, erlebt hat, mag wohl zurKräftigung der Lcbenswahrheit beitragen; die Hauptsache bleibtdoch, daß der Dichter sich hier selbst bezwäng und seine Figuren zulebensvolle» Menschen machte statt'zu Fernrohren in die Welt derGeheimnisse.

Einen zweiten Cyklus bilden die drei komischen Dramen.DerDiamant" (1841) ist wichtig durch sein Vorspiel, dasHebbels Kunst-lehre im allgemeinen und seine Stellung zu dem damaligen Lust-spiel insbesondere energisch formuliert. Bei der Ausführung iststatt der Idee, wie nichtig alles irdische Glück sei, mir ein wirresHin und Her zn sehen, und die Figuren, die lnstig und drolligsein sollen, sind nur burlesk. Humor war Hebbel eben völlig ver-sagt, wie vor allem seine HumoreskeSchuock" beweist. Völligmißlungen ist auch die TragikomödieEin Trauerspiel in Sizi-lien" (1845). An einein wirklichen Vorgang, den Hebbel in Neapel in der Zeitung las zwei Gendarmen ermorden ein Mädchenund bezichtigen einen Unschuldigen wollte Hebbel die grausigeIronie illustrieren, daß der gebotene Schutzherr zum Mörder wird.Tragisch hat er das in seiner berühmtesten Ballade, demHaide-knabcn", ausgeführt; hier wollte er es tragikomisch auffassen undstellte nur burleske und tragische Momente unvermittelt nebenein-ander.Der Rubiu" (1851) läßt in der Art der romantischenSpiele reale und märchenhafte Welt durcheinanderrollen. Er hattedas Märchen, das er hier dramatisiert, selbst erfnnden. SeineMoral ist, daß nur der sich ein Gut gewinnt, der es wegzuwerfenwagt. Festhalten läßt sich nichts: die List des Diebes, die Willkürdes Richters, die Macht des Zufalls bedrohen jeden Augenblick denBesitz uud die Existenz selbst; der wahre Bettler ist, wie schonLessing es aussprach, der wahre König. DerRnbin" steht anMöglichkeit der Charaktere, Fülle des bunten Lebens, Übersicht-lichkeit der Handlung hoch über demDiamanten"; schade, daßgegen Ende die gänzlich überflüssige Erzählung vou der schaurigenUnthat des Sultans die heitere Märchenstimmung verdirbt.

Im gauzen wird man den Cyklus der drei Komödien nichtallzn hoch stellen können. Zu deutlich sind sie aus der Doktringeboren; zu gewaltsam ist die Mischung der Elemente.

Ähnliches gilt von dem mißglückten TranerspielJulia"