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1840—18S0.
(1850). Otto Ludwig hat in einer geistreichen Charakteristik geradean diesem Stücke die Hauptmängel der Dramaturgie Hebbels aus-gewiesen:
Die Charaktere exponieren sich mehr durch Erzählung als durch dieHandlung, meist durch charakteristische Anekdoten, die sie sogar sich selbsterzählen. Von einer Steigerung ist nicht die Nede. — Großes nnd Kleinestritt mit demselben Anspruch auf. Bei Hebbel wie bei Richard Wagner leidet der dramatische Fluß unter der Absicht, in jeder Rede, ja in jedemWorte bedeutend zu sein. — Bei Shakespeare haben die Charaktere ihreNuhepunkte, ihr Eigentlichstes zeigt sich nur, weun es herausgefordert wirddurch die Situation; Hebbels Charaktere sind Tag und Nacht in ihrer vollenWaffenzier; jede seiner Personen ist beständig auf der Jagd nach den eigenencharakteristischen Zügen. Der Charakter ist in jedem bis zur Monomaniegesteigert. Sie wissen alle, daß sie Originale sind, nnd mochten beileibenicht anders erscheinen. — Die Charaktere sind durchaus bloß mit ihrerLokalfarbe gemalt; kein Reflex; sie gehen nebeneinander, ohne sich durchBerührung gegenseitig zu modifizieren wie z. B. der Ruhige den Hitzigennoch hitziger macht, der Hitzige den Ruhigen noch rnhiger. Sie sprechenüberhaupt nicht miteinander, nur zu einander: es fehlt der eigentlich drama-tische Dialog. — So lange die Charaktere sich episch rüsten, d. i. einenCharakterzug nach dem andern anlegen in einem Gespräch, das mehr eineErzählung ist, in der sich mehrere ablösen, indem sie thun, als sprächensie miteinander, ist alles herrlich; sowie es zu eigentlicher Handlung, znwahrhaft dramatischem Dialog kommen soll, wird es absurd.
Man wird besonders in diesem harten Wort den Standpunktdes dramaturgischen Gegners nicht vergessen dürfen, der übrigensan Hebbels Bildern „unnachahmliche Große und Schönheit" rühmt;in den meisten Rügen aber hat Otto Ludwig nicht bloß für die„Julia", soudern für fast alle Dramen Hebbels die großen Mängelder Charakterzeichnnng, der Charakterbewegung, der Nede treffendaufgedeckt.
Das kleiue Künstlerdrama „Michelangelo " (1850) ist,trotz Hebbels Ableugnuug, wohl doch eiu Stück Selbstverteidigungund Abwehr der Kritik. Nach einer alten Anekdote soll der Künstlerein Werk seiner eigenen Hand selbst verstümmelt und vergrabenhaben, um durch die Urteile der Kunstkenner, die ihn nun mit demtadellosen Meisterwerk der Antike beschämen wollen, sie selbst zubeschämen. Solche Versuche, die Kenner hinters Licht zu führeu,lagen ja auch im Geschmack der Zeitgenossen Hebbels : ich erinnerean Meinholds „Berusteiuhcxe", die Hebbel recensiert hat. Die An-wendung liegt nahe genug und bezieht sich wohl zunächst auf den„Diamant", deu alle Welt ablehnte: wäre er uuter Shakespeares