„Herodes und Mariamne".
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oder Cervantes' Namen überliefert, wie würdet ihr ihn bewundern!Doch verteidigt sich Hebbel durch Michelangelos Mund gleichzeitiggegen den Vorwurf, sich selbst den Größten gleichzustellen; er fühltesich so weit unter ihnen, wie er sich über Halm und Gutzkow fühlte. — Sehr gelungen ist die Zeichnung Rasaels mit seiner etwassäuerlichen Vornehmheit; auch das Geurebild italienischen Straßen-lebens im zweiten Akt ist anmutig und frisch.
Mit „Herodes und Mariamne" (1851) lenkt Hebbel wieder in die Bahn der großen Dramen ein, ohne sich streng indie Idee des alten Cyklus einzuschließen. Hebbel hatte über denStoff viel nachgedacht; er erklärte ihn für den besten Tragödien-stoff, ja für den Typus der tragischen Fabel überhaupt. Daß uachden alten Berichten Herodes , von Haus aus edel, groß, liebens-würdig, durch die Ungunst der Umstände zum finstern Tyrannengemacht wird, das war ja in der That geradezu das Paradigmafür Hebbels tragische Formel. Bei der Bearbeitung aber glitt dasHauptinteresse von Herodes auf Mariamne, wie es von Genovevaauf Golo übergeglitten war.
Herodes, zu allem Guten und Großen angelegt, steht wiederin einer Umgebung voll furchtbarer Unsicherheit. Sein Thron istbedroht von dem Übermut der Römer, von der Mißstimmung derFrommen im Lande, von den Listen seiner eigenen Verwandten.Ihn zu sichern, ist ihm aber auch um seines Volkes willen Pflicht.Der stark monarchische Dichter, der noch unter dem Eindruck derRevolution stand, bereitet schon hier seine Auffassung der „AgnesBernauer" vor. — Wäre nun Herodes ein Holofernes, ein herzens-kalter Kraftmensch, so möchte er sich leicht behaupten; wäre er einlistiger Kriecher, noch eher. Aber wie Genoveva und Clara gehter gerade au dem Menschlichen seines Wesens zu Grunde. Er liebtseine Gattin leidenschaftlich — nnd dies Gut zu opfern, ist er nichtim stände. Der Gedanke, sie könne nach seinem Tode andern ge-hören, foltert ihn; er giebt den Befehl, sie zu töten, falls er selbstvon seinem schweren Gang nach Rom nicht heimkehrt. Hierdurchaber fühlt Mariamue, als es ihr verraten wird, sich „zum Dingherabgesetzt", die Menschheit in sich geschändet. Schon vorher hater ihre Liebe erschüttert, als er ihren Bruder mordete, um sich zusichern; jetzt stirbt sie ihm völlig ab. Noch sucht sie sich mit demGedanken zu trösten, es habe ihn nur das Fieber der gereiztenLeidenschaft verwirrt; als aber Herodes, zum zweitenmal abberufen,