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1840-1850.
den Befehl erneuert, giebt sie ihn ganz auf und stürzt sich durchein krankhaft gereiztes Benehmen gleichsam absichtlich in das Schwertdes argwöhnischen Gatten. — Hebbel meinte in diesem Werke denBegriff der Notwendigkeit, wie es der historischen Tragödie gezieme,aus inneren und äußeren Bedingungen in strengstem Sinne her-geleitet zu haben. Aber die innere Notwendigkeit leidet wiederunter der unpsychologischen Einseitigkeit der Figuren. Wieder istjeder ganz auf einen Ton gestellt, Alexandra, Mariamnes Mutter,nichts als herrschsüchtige Intrigue, Titus, der Römer, uichts alstadellose Korrektheit, Mariamne selbst nichts als empfindlicher Stolz.Wieder gilt Otto Ludwigs scharfes Wort: „die Charaktere hinderndie Figuren im raschen Lause, iudem sie ihuen immer wieSchleppsäbel zwischen die Beine geraten." Das zwingt Hebbel ,die äußere Notwendigkeit in einem verwickelten Netz von Intriguenund Zusällen zu geben. Trotz der Gebrechlichkeit aller Verhältnisse,die hier wie im „Trauerspiel in Sizilien" und im „Rnbin" sichvor allem in der Unzuverlässigkeit der Obrigkeiten symbolisiert, trotzder Willkür des Trinkers Antonius (die ausgezeichnet geschildert ist)und des Sieges seines Feindes Oetavian könnte Herodes glücklicherGatte der Mariamne bleiben, wenn sie nichts erführe; nnd wiekompliziert ist die Maschinerie, die den zweimaligen Verrat deszweimaligen Gebots bewirkt!
Die Unsicherheit der Handlung spiegelt sich in der Spracheab. Statt der Hyperbeln in „Judith" und „Genoveva", statt dergedrungenen, schlagenden Diction in „Maria Magdalene " begegnenhier in harten, ungelenken Versen entsetzlich prosaische Wendungen:
Er glaubte die Verpflichtung nicht zu haben . . .Und dann vor allein diese Schwiegermutter . . .Wenn du dir selbst nur nicht die Grube gräbst! . .
oder: „Bei mir sällt beides weg!" oder: „Ich hatte Grund dazu!"und was dergleichen Rückfälle aus dem Pathos in die Zeitungs-sprache mehr sind. Und der Schluß mit seiner gewaltsamen Ein-führung von Christi Gebnrt und dem Mord der unschuldigen Kin-der („Ich sehe morgen nach!") ist wieder groß gedacht, wirkt aberso äußerlich ausgesetzt wie der ähnliche Ausgang der „Nibelungen "!
Es folgt ein neuer Cyklus, den Hebbel aber nicht so bestimmtwie die beiden ersten als Einheit auffaßte. „Agues Bernauer",„Gyges " und „Demetrius" bewegen sich um die Idee der Sitteals ihre Achse, wie „Judith", „Genoveva" und „Maria Magda -