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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
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AgncS Beruauer"

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lene" um die der Keuschheit. Bei dem Stoff derAgnes" tauchtediese Idee fast überraschend auf; aber im Grunde lag sie doch schonlängst bereit, wie seine Tagebücher zeigen. Die Macht der Sittewird an den Stärksten gemessen, an den Fürsten . Die Sitte ist nichtsals der Ausdruck jener Gebundenheit einer bestimmten Zeit- undWeltlage, in der Hebbel das Fatum des neuen Dramas sah; dieKrone ist Symbol des starken Wollens und Vermögens. Undwieder scheitert jedesmal das Wolleu an der Gebundenheit der Welt;mögen Liebe, Herrschergesühl oder Unsicherheit gegen die Sitte an-prallen immer kehrt der Stürmende von dieser ehernen Mauermit zerschlagenem Kopf zurück.

Agnes Bernauer" (1851) dreht sich um das Verhältnisdes Individuums zum Staat:

An der Agnes Beruauer kann in meinem Sinn nichts interessierenals das Verhältnis, worin ein menschliches Individuum, das zu schön ist,um nicht die glühendsten Leidenschaften hervorzurufen, und doch zu niedriggestellt, um auf eiuen Thron zu Passen, zum Staat und zum Vertreterdesselben gerat, weun es hoher erhoben wird, als die Lrdnnng der Weltes verträgt. Daß sie in eine Situation, hinciugerttt, in der sie ver-nichtet werden muß, wenn sie nicht zurück kann, das ist an ihrem Schicksaleinzig und stempelt sie, indem doch auch hier ein Zusammenstoß des absolutenund des positiven Rechtes vorliegt, zur Antigone der moderuen Zeit.

Sofern also auch hier das Individuum in dem Konfliktseiner Eigenart mit Zeit und Welt zerrieben wird, ist Hebbels allgemeine Formel erfüllt; das Neue ist, daßauch die bloßeSchönheit, die doch ihrer Natur nach nicht zum Handeln,geschweige zu einem die Nemesis ausrufenden Handeln gelangenkann, also ihre ganz passive bloße Erscheinung auf der höchstenSpitze ohne irgend ein Hinzutreten des Willens den tragischenKonflikt zu entzünden vermag". Hierdurch wird die arme Agnes,die Märtyrerin ihrer Schönheit, zndem reinsten Opfer, das derNotwendigkeit im Lauf aller Jahrhunderte gefallen ist" alsoauch sie wieder eine Einzige, ein Superlativ. Der Notwendigkeitfällt sie zum Opfer nicht fürstlicher Willkür; denn Notwendigkeitist die Übereinkunft der Völker, diedas an sich Wertlose stempelt^den Staub über den Staub erhöht". Hebbel , der sich sonst heftiggegen die Anspielungen auf Zeitverhältnisse (vor allem im Lustspiel)erklärt hat, spricht doch hierzum Fenster hinaus", wenn er denNeuerern Herzog Ernsts Worte entgegenschleudert:Weh dem, derdiese Übereinkunft der Völker nicht versteht, Fluch dem, der sie