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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
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298 18401850.

nicht ehrt!" So hat er denn auch später die Engländer gemeint,wenn Kandaulcs ironisch die Griechen lobt:

Ihr laßt

Die andern alle spinnen und Ihr webt.

Das giebt ein Netz, wovon kein einziger Faden

Euch selbst gehört, und das doch Euer ist.

Weitn er in denNibelungen" die Hunnen maltunheim-liches Gesindel, klein und frech", so waren die Tschechen, Gegen-stand seiner besonderen Antipathie, Modell, und in dem EpyllionMutter und Kind" hat er sogar direkt auf das berüchtigte DuellBezug genommen, in dem der Jnnker Hans v. Rochow den General-polizeidirektor v. Hinckeldey erschoß.

Es ist kein ungünstiges Zeichen, daß Hebbel von jetzt anseiner Individualität in solchen Dingen Raum gewährt zum Trotzseiner Doktrin. Die Periode der starren Rezeptdramatik ist über-wunden; auf der Grundlage einer festen Kunstlehre bewegt sich nunfreier eine große Persönlichkeit und gestattet sich ein künstlerischesAusleben. Wie die liebreizende Agnes auf dem Fest mit deinjungen Herzog Albrecht zusammentrifft, das läßt sich in der Zeich-nung einer Liebesseligkeit, in die ferne Gewitter hineinblitzen,wohl mit den Scenen vergleichen, in denen Shakespeares Heinrich VIII. die unglückliche Anna Boleyn gewinnt. Wie sie sich in dasGefühl der herzoglichen Würde hineinwächst und dabei doch dieScheu vor dem Übertreten der altgelernten Sitte nie völlig über-windet, wie sie die Herzen auch der strengen Gegner gewinnt undder Notwendigkeit doch nicht Herrin wird, das ist zarter und dochlebenswahrer gemalt, als Hebbel sonst darstellt. Technisch hater sich die Sache hier leichter gemacht; Theobald, eine an GoethesBrackenburg gemahnende, aber kräftigere Figur, versteckt sich hintereinem Schrank, Agnes lauscht; aber bei dem großen Zug derganzen Handlung stört das weniger als die ängstliche MaschineriedesHerodes ". Auch die Sprache ist wieder einfacher; nur wennein Held zu lange allein bleibt, verirrt er sich noch in die altenHyperbeln:Rudolf von Habsburg Hütte ein Sandkorn durch ge-schicktes Wenden und Drehen und unablässiges Umkehren auf kleb-rigem Boden zum Erdball aufgeschwemmt . . ." Übrigeus ist ge-rade Herzog Ernst, der auch dies spricht, am weuigsten gelungen;so absichtlich der Dichter ihm auch weichere Gefühle, Trauer umdie längst verstorbene Gattin, herzliche Liebe zum Sohn zu leihen