„Gyges und sein Ring".
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sucht, sieht doch der abstrakte Vertreter der Staatsidee überall zudeutlich unter dem Überhang durch.
Wie bei „Judith" krystallisierten sich auch bei der Tragödie„Gyges und sein Ring" (1853) ältere Ideen plötzlich auf einenäußeren Anlaß zum Drama. Er wurde von einem „schöngeistigenBeamten" gefragt, warum er die Geschichte von Kandaules niedramatisiert habe; sie sei ja für ihn wie gemacht. „Ich antwortete,der Wahrheit gemäß, daß ich sie nicht kenne; der Mann reichte mirden Band von Pierers Lexikon mit dem betreffenden Artikel, erzündete, und noch denselben Abend entstand eine Hauptscene." Manwird deu sicheren Blick des Freundes nur bewundern können; ihmverdanken wir Hebbels schönstes Werk.
Herodot erzählt, König 5?andaules von Lydien, der letzte Hera -klide, ein Nachkomme des Halbgottes und der Omphale , habe seinemGünstling Gyges den Anblick seiner wunderschönen Gattin ver-schafft, als sie sich entkleidet niederlegte. Außer sich über dieseEntwürdigung, stellte die Königin dem Gyges nur die Wahl, ober sterben — oder den König töten wolle; nach langem Widerstrebenentschloß er sich, Kandaules zu ermorden und herrschte glücklich anRhodopens Seite.
Das Motiv ist nicht unbedenklich. Eine frivole Auffassungvermag ihm leicht eine grobkomische Auslegung abzugewiuuen,die es auch wiederholt erfahren hat, in Tiecks Novelle von derwilden Engländerin, in der ausgelassenen Operette „Miß Helyett",an dem Kandaules -Stoff selbst in einer französischen Operette.Der tiefe Ernst Hebbels erfaßte statt dessen sofort die tragischeSeite. Nicht im Übermut oder im Rausch hat der König seineGattin den Blicken des Freundes bloßgestellt — es geschah auseiuem tiefen Bedürfnis heraus. Die Sitte hält die Fürstin desOrients in tiefster Verschlossenheit. Dem herrischen Sinn ihrerGebieter entspricht diese Verborgenheit: der höchste Besitz des Königsist (wie das Knltuswort lautet) „tabu", jeder Berührung, jedemBlick entzogen: wer es sieht, hat es entheiligt und büßt diese Sündemit dem Tode. Kandaules aber ist nicht mehr von der alten Art.Er ist — man gestatte auch dies Wort — ein clöoaclent, ein vomFluch des Epigonentums gedrückter Enkel, der Ahne werden möchte.Heimlich nagt an ihm der Zweifel:
Ich brauche einen Zeugen, daß ich nicht
Ein eitler Thor bin, der sich selbst belügt,
Wenn er sich rühmt, das schönste Weib zu küssen . . .