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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
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1840-1850.

So quält es ihn auch, daß er nur seiner Krone wegen gilt:er legt das alte Diadem ab (wie Uhlands von Hebbel so sehr be-wunderter Lord von Edenhall das Glas zerschmettert, das seinHaus als Talisman hütete), er horcht im Volk umher: er willwissen, was er wirklich gilt, er als Mann, als Person. Ihm istes ein kostbarer Fund, an einem unvergleichlichen Helden wieGyges einen liebenden Freund entdeckt zu haben: das erhöht seineschwankende Meinung von dem eigenen Wert. Und dieser Freundsoll ihn auch über den Wert seiner kostbarsten Perle vergewissern:indem er ihn das Entzücken an dem wunderschonen Körper teilenläßt, gewinnt er einen Bürgen für die Einzigkeit dieses Besitzes.So aber wird auch Rhodope, wie Mariamue,zur Sache er-niedrigt". Sie ist ganz auf die Idee der Sitte gestellt, nonnen-hafter als Genoveva; das Leben selbst ist ihrer scheuen Scham zurauh, zu wild, und nur in zarten Träumen sühlt sie sich ganz glück-lich, vor dieser Welt sich in Phantasien flüchtend, vor ihr fliehend wieJudith sich im Gebet untertaucht. Furchtbar wirkt auf diese Naturdie Entdeckung. Der König selbst, der höchste Hüter der Sitte, hatsein Weib entehrt, hat die heiligste Sitte verletzt in dem Gegenstand,den sie vor allen schützt. Sie hat nur noch eiuen Gedanken: siemuß gereinigt werden, uud das kann sie nur, indem sie sich rächt.Sie zwingt Gyges , den König im Zweikamps zu töten, und nacheiner feierlichen Schauvermählung mit ihrem Rächer erdolcht sie sich.Es ist das einzige Drama Hebbels , das mit dem Tod der Haupt-figur unmittelbar abschließt.

Jedoch die eigentliche Hauptfigur ist Rhodope nicht, ob-wohl der Dichter keine weibliche Figur, die Agnes selbst nicht aus-genommen, mit so großer Liebe geschildert hat; obgleich sie ihm dieVerkörperung der heiligen Sitte selbst ist, bleibt sie individuell undtritt uns ganz anders nahe als diesteise Engländerin", die inGrillparzersJüdin " eine ähnliche Aufgabe hat. Aber die wirklicheHauptfigur ist doch Kandaules . Der letzte Heraklide hat nicht mehrden Glauben seiner Vorfahren an ihre Sitte, ihren Talisman, aberer besitzt auch nicht, wie Gyges , die rücksichtslose Kraft des Er-oberers. Zu spät erkennt er, was Ernst von Bayern seinemSohn auseinandersetzt: die ungeheure Macht derImponderabilien",wie Bismarck es zu nennen Pflegte. Der Verrat an seinem Weibeist nur der äußerste Ausdruck eiuer Neueruugssucht, der eine ent-sprechende Kraft nicht zur Seite steht; und an diesem Bedürfnis,