„Demetrius".
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an den festgefügten Mauern zu rütteln, die seinen Thron ein-schließen, geht er zu Grunde, erschlagen von diesen Manern.
Aber anch für Gyges ist das Schicksal tragisch. Den Freundmuß er töten, Rhodopc erblickt er uur an seiner Seite, umsie für immer zu verlieren, nnd schwer wird Lydiens Krone aufdem Haupt des einst so heiteren Griechen lasten. Ihm ward dastragische Los der Vortrefflichsten: mehr im Siege zu erreichen, alssie tragen können. Für einen ungebrochenen Mann der Kraft istkein Raum in Lydien ; und überall ift Lydieu.
Den gleichen Gedankeu von der Allmacht der Sitte bringtendlich auch „Demetrius" (1857—1863) zur Erfcheinung. DemFragment fehlt die hohe Anmut des „Gyges ", die Reinheit derCharakterzeichnung und die Vornehmheit der Sprache; mit Schillershalbvollendetem Stück hätte es sich schwerlich messen könuen. Aberwie lehrreich ist, was Hebbel selbst über die beiden Auffassungensagt: „Allerdings kann für mein Drama mir die große uud dochwieder in sich selbst zerrissene slavische Welt den Humus abgeben,während Schiller ohne Zweifel einzig nnd allein von dem allgemeinmenschlichen Moment des Faktums angeregt wurde". In derenergisch-realistischen Erfassung des jedesmaligen Milieus liegt janicht zum wenigsten Hcbbels Größe; und so hat er hier auch wiederRussen uud Polen in ihrer Eigenart mächtig kontrastiert, allerdingsohne Scheu vor den kühnsten Anachronismen.
„Demetrius" hat für uns noch besondere Bedeutung durchseine Persönlichen Beziehungen. Die Lage des zukünftigen Herr-schers, der in gedrückter Knechtslage aufwächst und in dem dochnichts den angeborenen Adel unterdrücken kann — sie sollte einpoetisch gesteigertes Abbild jenes folgenreichsten Erlebnisses Hebbels werden, des Schreiberdienstes beim Kirchspielvogt. Aber selbst dieseErinnernng hat dem Prätendenten nicht zu voller Lebenswahrheitverhelfen können, und die teils zu hoch gesteigerte, teils iu bareProsa („weil du stets aus diesen Schritt gedrungen hast") ver-sinkende Rede bezeugt hier wieder, wie bei Hebbel so oft, die innereUnsicherheit. Die Welt sah er deutlich, an deren unerschütterlicherTradition Demetrius zerbricht. Aber die Jndividueu reichen auGestalten wie Schillers Demetrius, Marfa, ja selbst Sapiehanicht herau, auch uicht die mit besonderem Behagen ausgearbeiteteMariua, iu der sich der Konflikt polnischer mit russischer Art iutragikomischer Weise verkörpert. Die immer Schiller die Fähigkeit