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1840—1850.
der Charakterzeichnung absprechen, könnten hier lernen, wie weitsich der Dichter des „Tell" und des „Demetrius" über „bloß ge-dachte", abstrakte Typen erhebt. Dazu die Verwickelung der In-trigue, die durch beständige Ausrufe noch besonders betont wird:„Begreifst du das?" „Was für ein Licht geht mir da auf!" Nurdie Volksscenen sind lebendig, und das Gedränge beim Einzug hatHebbel wohl an der sprichwörtlichen Schaulust der Wiener studiert.
Eine Gruppe für sich endlich bildet die Trilogie der „Nibe-lungen " mit dem Fragment „Moloch". Ursprünglich sollten „Mo-loch" und „Christus" den ersten Cyklus abschließen, den „Judith"und „Genoveva" eröffnen sollten; sie hätten dann das Entstehender religiösen Tradition, der mächtigsten Form der „Sitte ", inzwei Stufen geschildert, wie „Judith" und „Genoveva" deren Ver-fall und Entartung. In der Ausführung verschoben sich die Pro-bleme, nnd nur der „Moloch" wahrte ganz die alte Anlage; dafürhaben die „Nibelungen" viel von dem alten Plan geerbt.
Der „Moloch" (1842—1850) ist fast das einzige WerkHebbels,bei dem mehrfach ans litterarische Vorbilder verwiesen wird: Grabbes„Hannibal" und E. Th. A. Hoffmanns Bericht über den verlorenenzweiten Teil von Zacharias Werners „Kreuz an der Ostsee" scheinenauf die Konzeption eingewirkt zn haben. Freilich hat dies derOriginalität des Planes keinen Eintrag gethan.
Der „Moloch" .sollte Hebbels Hauptwerk werden; er dachteihn sich mit allen Hilfsmitteln anfgeschmückt, auch von Musik be-gleitet. Er sollte zwischen antiker und moderner Dichtung dieMitte halten.
Hieram, ein uralter Greis, flieht nach der Zerstörung Kar-thagos aus seiner Heimat, nnr von dem einen Gedanken erfüllt,sie an den Römern zu rächen. Das furchtbare Götzenbild desMoloch schleppt er mit und landet mit ihm bei den Germanen, dienoch in prähistorischem Halbschlummer liegen. Hier richtet er ihnauf und begründet seinen Kultus, zugleich als Hoherpriester desschrecklichen Gottes seine eigene Macht. Nun erzieht er das Volkzu künftigen Vernichtern Roms. Ungeheuer wächst die Gewaltdes Moloch; und sie wächst dem über das Haupt, der den Götzenaufgerichtet hat. Die erste Verletzung seiner Vorschriften, die erstraflos läßt, stürzt nicht den Gott, wohl aber den Priester. Immerbleibt aber dem Sterbenden das Bewußtsein: sein Götze, sein Werk,sein Plan werden ihn überleben.