Druckschrift 
Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
Entstehung
Seite
303
Einzelbild herunterladen
 
  

Molvch

303

Das Großartige in dieser Konzeption ist vor allem derGedanke, daß das Werkzeug zum Schöpfer wird, der Schöpfer zumWerkzeug. Denn mit all seiner prometheischen Vermessenheit istHieram doch selbst nur ein Instrument in den Händen der Not-wendigkeit. Noch verehren die Germanen keinen Gott, doch hat dieungewisse Ahnung einer überirdischen Macht sie längst erfüllt.Die Menschheit hat nur den einen großen Zweck, einen Gott aussich zu gebären", sagt Holofernes, und oft kehrt in Hebbels Briefendiese tiefe Idee wieder: die Weltgeschichte suche eine Idee, die Naturstrebe nach einem Gipfel. . . Dies Volk nun ist eben reif, einenGott zu gebären. Hieram bringt ihn ihnen, von jener geheimenNotwendigkeit gezogen, die Judith und Holofernes, Siegfried uudBrunhild zusammentreibt. Und so ist der Prophet das Werkzeugdes entstehenden Gottes. Der Begründer der Tradition fällt dieserso gut zum Opfer wie ihr..letzter, schwankender Hüter: Hieramwie Kandaules .

WieMoloch" das Entstehen, malen dieNibelungen" daSVergehen einer weltbeherrschenden Tradition. Wie jener den Über-gang aus dumpf-Patriarchalischer Urzeit iu das älteste Heidentum,so dramatisiert die Trilogie die Wandlung von dem jüngereil,heroischen Heidentum ins Christentum. Und so gehören diese beidenletzten Stücke des Cyklusvon der Sitte und dem Einzelnen" engzusammen. Stärker noch als die anderen Dramen proklamieren sieHebbels innerste Überzeugung: der Einzelne ist nichts gegen dasAllgemeine, uud deshalb ist es tragisches Schicksal, eiu Einzigerzu sein. Was damals gerade Max Stirner so trotzig verfocht, dasbekämpfte in all diesen Dramen Friedrich Hebbel : das Dogma vomallmächtigen Einzelnen. Insofern bilden all seine Tragödien wirk-lich einen geschlossenen Ring, innerhalb dessen doch, um seine Lieb-lingsmetapher zu verwenden, getrennte Planetensysteme kreisen.

Die Nibelungen " (1862 vollendet) gehören dem Plan nachzu Hebbels ältesten Unternehmungen; schon als er in Hamburg dasalte Lied las, tauchte wohl die Idee auf. Das Epos hat ihn dannimmer stark iu seiner Macht behalten: er wollte nur demtaub-stummen Gedicht" zur Rede verhelfen,die Basreliefs des altenLiedes von der Wand ablösen". Denn er war der Bewunderungvoll für deugroßen Dichter" der Nibeluugennot, der, in derKonzeption Dramatiker vom Wirbel bis zur Zehe, den Stoff mitvoller Freiheit zu beherrschen gewußt habe. Sieben Jahre