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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
Entstehung
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Entwickelung Hcbbcls.

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mögen prophezeien; wenn aber Wotan Schopenhauer citiert oderKriemhild vonUnnatur" spricht, so ist die Grenze überschritten,die den läßlichen Anachronismus von verletzender Stillosigkeittrennt.

Stillosigkeit lag freilich Hebbels von inneren Gegensätzen ge-quälter Natur nahe. Der entschiedene Pessimist fand in der er-lösenden Kraft der Kunst solche Seligkeit, daß er um ihretwillengern die Last des Lebens auf sich nehmen wollte. So weist Hebbel hier auf den Weg, den Nietzsche beschritt, von der Wonne seinerVerzweifluug trunken. Der strenge Realist vonMaria Magdalene "schloß sich inGyges" und denNibelungen " völlig der idealistischenTradition an. Er wurzelt in der Nomantik, die eben auch schon beideTendenzen nicht ohne Willkür mischt. Das Schicksalsdrama hat ihmden ersten tragischen Versuch, einen fürchterlichenBatermord", ein-gegeben; Kleist hat auf seine frühesten, Tieck auf die übrigen Er-zählungen bestimmend eingewirkt. E. Th. A. Hoffmanu hat seinerPhantasie unauslöschliche Spuren eingeprägt. Vor allem aberteilt er mit dieser Schule, wie Otto Ludwig ausgeführt hat, jeneFurcht vor dem Trivialen", in der der Autor derMakkabäer "das eigentliche Gruudwesen der Romantik sah. Daher die Richtungaus das Außerordentliche, die Verachtung des Einfachen. Siefeiert ihre Triumphe besonders in dem hyperbolischen Ausdruckseiner Figuren, durch den sie weit über alle Lebensmöglichkeithinausgehen und zu dem energischen Realismus in der Darstellungvon Umgebung, Verhältnissen, daueruden Mächten einen grellenKontrast bilden.

Bei so verwickelten Mischungen der Psychologischen und ästhe-tischen Elemente war wenigen Dichtern eine einheitliche Entwickelungso erschwert wie Hebbel . Ein anderes kam hinzu, was ihm dieSelbstkritik beinahe unmöglich machte. Wer in einem begeistertenMoment seine Gestalten greifbar vor sich schaut und sie nun nnch-schaffen will, der wird nur zu hell erkennen, was dem Bilde vomUrbild abgeht; das war die Tragik in Otto Ludwigs Schaffen.Wer aber bei der Konzeption bestimmten festen Formeln uud Re-geln einen maßgebenden Raum gönut, wie Hebbel , der wird beider Prüfung des fertigen Werkes fast immer befriedigt sein. Ererinnert sich bei jeder Einzelheit auss deutlichste: das habe ichaus dem uud jenem Grnnde so gemacht und indem er dieMethode überall in Ehren findet, an der er selbst nie zweifelt,