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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
Entstehung
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310 18401850.

muß er wohl glauben, eiu einwcmdsfreies Werk geschaffen zu haben.In der That sehen wir Hebbel von fast jeder seiner Dichtungennach ihrer Vollendung entzückt:Judith",Genoveva",AgnesBernauerin" erscheinen ihm als Meisterwerke; er verweilt frohlockendbei der Betrachtung einiger Gedichte wieLiebeszauber",Opferdes Frühlings"; sogar für die Lustspiele und denSchnock" hegter eine unverwüstliche Bewunderung. Eitelkeit im gewöhnlichenSinne des Wortes ist das nicht. Er ist sich nur bewußt, dieRegeln, die er für unfehlbar hält, sorgsam befolgt zu haben. Dazukommt, daß jene Zeit an die Lebenswahrheit der Figuren ungleichgeringere Anforderungen stellte als die unsere ertrag sie dochGutzkows Lustspiele; und was sür Romane ertrug sie nicht! Des-halb hören wir in Recensionen jener Tage oft auch in solchenStücken Hebbels die Wahrheit der Charakterzeichnung gelobt, indenen unser verwöhnteres Urteil viel zu viel Knochen sieht undviel zu wenig Fleisch. Selbst Julian Schmidt, der sonst Hebbel scharf augriff und nicht mit Unrecht tadelte, daß der Dichternnrin Epigrammen denke", hat hier gelobt.

Unter solchen Umstünden gab es für Hebbel nur eine Möglich-keit gesunder Entwickelung: zunehmende Emancipation von dem selbst-erdachtenRegnlbuch", wie die Genies der Sturm- uud Drangperiodespöttisch zu rusen pflegten. Wir sahen, daß ihm eine gewisse Befreiungin der That geglückt ist. Der Vorzug seiner höchsten Werke ruht vorallem darin, daß er sich naiver in die Betrachtung der Figurenversenkt, ihnen ihren eigenen Willen läßt. So hat er inMariaMagdalene " der Versuchung einmal widerstanden, sich dnrch seineGestalten in prophetische Höhen heraufführen zu lassen und vondort zu reden; so hat er imGyges " den Figuren mehr Nundunggegönnt, als sonst die beständige Rücksicht auf die Formeln erlaubte;so hat er in denNibelungen " Helden der alten Dichtung wie denjungen Siegfried und den grimmen Hagen mit treuer Selbstver-leugnung nachgezeichnet. Uud so kommt es, daß wir fast durchwegdie Dramen, die er am höchsten bewertete, denen nachsetzen, vondenen er viel weniger sprach.

Haben die Dramen vor allem Hebbels Ruhm geschaffen, sodarf als Zeugnis seiner Bedeutung doch ein großes Gesamtwerknicht vergessen werden, das zugleich der beste Bürge seiner eigenenEntwickelung ist: sein Tagebuch. Wir haben von diesen Bändenschon gesprochen, die ihn uns in unablässigem Ringen zeigen, un-