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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
Entstehung
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Hcbbels Tagebücher,

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ermüdlich die schwersten Probleme vor sich herwälzend, nen prüfend,umdenkend. Das Persönliche verschwindet vor der gigantischenBemühung um die Wahrheit; der Eindruck der Eitelkeit wird weg-gewischt von der Ehrfurcht vor dieser rücksichtslosen Ehrlichkeit.Die Form ift oft aphoristisch, aber in ihrer Knappheit viel glück-licher als die unmöglichen Schlangenperiodcn in Hebbels drama-turgischen Vorreden und Abhandlungen; er war nun einmal zumMonologisten geboren und sprach am besten, wenn er auf denZuhörer keine Rücksicht nahm. Der Inhalt ist Hebbels Er-oberung der Welt und der Kunst. Wie er sich Stück für Stückaneignet, Kunstwerke, Persönlichkeiten, Urteile zu seinem Eigentummacht, wie jeder Fortschritt der Erkenntnis ihn beglückt dasgiebt diesen oft so prosaischen Notizen sast einen lyrischen Reiz.Hart urteilt er über die meisten Dichter seiner Zeit. Geschah eszum Teil aus seiner Theorie heraus, so doch noch mehr aus seinerPraxis: diesem rastlosen Streben mußte jede Weichlichkeit, Form-losigkeit, Affektation zuwider sein, und wie viel davon umgab ihn!Ihm aber ward weder die Zeit noch Wien , dasCapna der Geister",gefährlich; ernst und streng blieb er auf seineu Pfaden, allen Genera-tionen ein Muster der Wahrhaftigkeit.

Wenn Hcbbels Tagebücher Wohl die meisten seiner Dichtungenüberleben werden (gerade wie es bei den Brüdern Goncourt derFall sein wird), so fehlen auch die Leute uicht, die von OttoLudwig Ähnliches behaupten. Schon hierin zeigt sich eine gewisseVerwandtschaft dieser beidenhalben Heroen"; uud in der Thatgehören sie trotz allen Verschiedenheiten und Gegensätze, trotz dererbitterten Kritik, die jeder an seinem Gegenüber geübt hat, nochenger zusammen als Richard Wagner mit beiden. Bei Hebbel wiebei Ludwig litt die Praxis unter der Theorie, während Wagnerseine Theorie wesentlich aus dem persönlichen Bedürfnis heraus-bildete, so daß sie seiner Praxis gehorchte. Alle drei habenbezeichnend genug! eiu DramaChristus" geplant und be-gonnen, alle drei haben es aufgegeben, den größten Religionsstifteraus ihren eigenen persönlichen Voraussetzungen hervorgehen zulassen. Aber Wagner hat schließlich doch imParsisal" sein religiösesDrama gegeben; weder Hebbel noch Ludwig habeu ihr größtesWerk geschrieben. Jener versuchte es mit denNibelnngeu"; dieserkam nicht einmal zu dem Versuch. Als ein Opfer seiner Zeitist er gefallen. Wagner besiegte seine Zeit, Hebbel vermochte ihr