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1840—18S0,
vieles abzuringen, Otto Ludwig unterlag ihr. Jenes Bedürfnisder vierziger und fünfziger Jahre, eiuem starken Herrn nnterthanzu sein, in einer neuen Kirche neuen Propheten zu dieueu, führteeine kleine Gemeinde zur andächtigen Verehrung Hebbels , einegroße Gefolgschaft zur fanatischen Anbetung Wagners; O. Ludwig aber ward nur selbst von diesem Sehnen zu seinem unbedingtenShakespearekultus hingerissen, und sein Schaffen ging in der Askesedes renmütigen Büßers, der nur uoch vor seines Gottes Altarcelebrierte, zu Grande.
Otto Lndwig (1813—1865) ist in dem kleinen thüringi-schen Landstädtchen Eisfeld (am 11. Februar) geboren. Er warder Sohn eines sächsischen Bürgermeisters, ans dem seine zwischender unruhigen Bevölkerung und der argwöhnischen Regierung ein-geklemmte Stellung verhängnisvoll lastete. Wir haben kaum eineuzweiten deutschen Poeten, der an seiner Heimat mit gleicher Innig-keit festhielt wie Ludwig. Den Österreichern, den Schwaben wardoch immer ihr ganzes Land Heimat; Otto Ludwig fühlte sichsremd, sobald er aus dem hübschen Kleinstädtchen heraustrat, jafast schon, wenn er den schönen alten Garten des Vaterhausesverließ. Durch alle Entbehrungen hindurch hat er den ererbtenBesitz krampfhaft festgehalten, wie der verhungernde Korbflechter inHanptmanns „Webern "; und als er ihn schließlich doch aufgebenmußte, war auch seine Lebenskrast gebrochen. Zu dieser engenLiebe, die übrigens bei ihm viel mehr den Charakter männlicherTreue als den weichlicher Sentimentalität trug, mochte auch dieKränklichkeit, sein Feind von Kind auf, mochte, wie bei Annettev. Droste, auch seine Kurzsichtigkeit beitragen.
Eiu Leben wie von Jean Paul gedichtet füllt die erste Hälfteseiner Erdenzeit ans. Um die Mutter zu erhalten, die der frühin Verbitterung und Verarmung dahingegangene Vater zurückließ,giebt der Knabe sechzehnjährig sein Gymnasium auf und tritt inden Kramladen seines Oheims, eines gutmütigen, schwachen „dickenHerrn", der spät noch eine ungebildete Haushälterin in wilder Ehean seine Seite gezogen hatte; ihre halbtollen Wntanfülle wußte nurOtto Ludwigs fester Blick zu bändigen. Der Jüngling, den längstMusik und Poesie in ihren Bann gezogen hatten, mußte die ent-scheidendsten Jahre seiner Entwickelung in tragikomischer Enge ver-leben, zwischen dem prosaischen Berns und heimlicher Nachtarbeit,zwischen den grotesken Scenen der Hinterstuben und der idyllischen