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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
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Otto Ludwigs Leben,

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Meißen, um sich vor der Welt ohne Haß zu verschließen. Dalebte er in einer Mühle und ward ganz znm Gedicht, wie es einstBrentano von sich ausgesagt hatte. Hier, als er im Walde so vorsich hinging, fand er auch die Geliebte, die die treue, aufopfernde,liebreiche Gefährtin feines Lebens, die hingebende Pflegerin desKranken werden sollte. Reisen nach den Städten unterbrachen dieseWeltflucht, zuweilen auch schwere Krankheitsanfälle. War er ge-sund, so schweifte er abends in Wald und Flur einher, arbeitetedie Nacht durch und verschlief den halben Tag auch in dieserUmkehr der Tageszeiten seinem Vorbilde E. Th. A. Hoffmann ver-hängnisvoll verwandt. Das Jahr 1848, das auf ihn sehr starkwirkte, verlebte er in Meißen . Erfolge blieben seiner Arbeit nochimmer ans; eine feste Lebensstellung lag so fern, daß er darandachte, eine Leihbibliothek zu eröffnen.

Da schuf das Jahr 1849 Besserung. Devrient hatte LudwigsErbförfter" auf die Bühne gebracht. Mit einem Schlag ward ereiner der meistgenannten Schriftsteller Deutschlands, wie Hebbel vonKritikern (wie dem klugen, aber hier einseitig urteilenden Hettner)scharf angegriffeu, von Dichtergenossen wie Auerbach mit Herzlichkeitbegrüßt. Die Bürger Eisfelds huldigten ihrem Mitbürger (5. April1850) durch eine Adresse, die den Autor desErbförsters" zu dengefeiertsten Lieblingen der Nation" rechnete. Er konnte endlich(1852) auch seine Geliebte zum Traualtar führen und nun inDresden glückliche, arbeitsvolle Jahre verleben. Hier entstandenDieMakkabäer",Die Heiterethei",Zwischen Himmel und Erde". Aberinmitten unablässiger Arbeit, leidenschaftlichen Suchens, glücklichstenFamilienlebens und anregender Korrespondenz mit den FreundenGustav Frcytag, Julian Schmidt, Berthold Auerbach, EduardDevrient meldete sich lauter und immer lauter die Sorge. SeineStudien verzehrten seine Werke, seine Krankheit vernichtete die Arbeits-zeit; eine Versorgung, wie sie glücklicheren Genossen zu teil wurde,ist ihm nicht beschert worden.Nur ein Blick auf zwei oder dreiJahre völliger Sorglosigkeit, und einige Tragödien sollten sich auf-bauen, deren sich meine Nation und Zeit nicht zu schämen habensollte. Ich sehe eine ganze Welt von Erfindungen und Gestalten,die ich zwingen könnte, wenn ich von dem niederhaltenden Gewichtebefreit wieder in den Flug käme. Ich glaube, es wäre noch nichtzu spät." So schrieb der Arme (1859) in seinen Hauskalender.Schwerlich wären all jene Tragödien ausgegangen: zu ties hatte