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1840—18S0.
sich die Grübelsucht bei dem einsamen Denker eingefressen, dem seinePenelope-Arbeit Qual uud Genuß zugleich wurde. Aber sie hätteihm nicht noch durch schweren Kummer, durch verzehrende Sorgenbeschwert werden sollen. Nicht um der Werke willen, die er jetztdoch kaum noch geschrieben hätte — um des herrlichen Menschenwillen steigen nns beim Anblick dieses Lebensausgangs Thräuenin die Augen. Der reinste, hiugebmdste Idealist, der in seiuemStreben ausging wie kein zweiter, die goldene Seele ohne Falschund Galle , der tapfere, kaum je klagende Kämpfer ward von einerZeit übersehen, die ein gewisses Quantum Lärm als unentbehrlichesRangzeichen des Genies ansah. Die Hilse der ebeu gegründetenSchillerstiftnng, der Schillerpreis, den er (1861) für die „Makka-bäer" erhalten hatte — sie blieben doch selbst für den Bedürfnis-losen ein Tropfen auf einen heißen Stein. Kaum konnte er seinensurchtbaren Schmerzen Linderung verschaffen, die den armen Lazaruszerstörten. Gleich seinem Meister E. Th. A. Hoffmann mußte erdas entsetzliche Absterben der Körperteile am eigenen Leibe erleben;wie für Heine blieben ein großes Blatt Papier und ein Bleististseine besten Tröster in der Not. Musik vertrug er nicht mehr;dagegen war lebhafte Unterhaltung mit Freunden wie Anerbachnnd dem vortrefflichen Schauspieler Lewinsky noch immer die Freudeseiner schmerzensfreien Stunden. Der großartige Kopf mit derLöwenmähne und den milden, treuherzigen Augeu unter der pracht-voll gewölbten Stirn schien den übrigen Menschen zu überleben.Endlich ging der Dulder am 25. Februar 1865 dahin.
Man wirft so gern mit den Namen unglücklicher Dichter-existenzen um sich, und Hebbel hat dagegen protestieren müssen, daßman jeden litterarischen Proletarier, der die geringe geistige Habevergeudete, als Beweis für den „Kainsfluch der Dichter" aufrief.Hier war ein Schicksal, tragischer als das der „verkannten Genies",auch wenn sie, wie Grabbe nnd Griepenkerl, wirkliche Genialitätbesaßen; denn was Otto Ludwig zerstörte, war keinerlei „Schuld"im moralischen oder (wie bei Brentano ) im ästhetischen Sinne.Das Beste, was er besaß, war untrennbar verbunden mit dem, wasihn zerstörte. Die furchtbare Krankheit, die ihm das Leben fraß,war symbolischer Natur: seiu Unterleibsleiden forderte Bewegung,die die gelähmten Beine versagten. Es war ebenso mit dem Dichter:er konnte nicht schaffen, weil er zu viel grübelte; er fand im Grübelnkeine Befriedigung, weil der Schafsenstrieb sich zu stark regte.