Druckschrift 
Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
Entstehung
Seite
317
Einzelbild herunterladen
 
  

Ltto Ludwigs RcaliSmuS.

317

Otto Ludwig hat sich immer in erster Linie als Realistenaufgefaßt. Realist war er vor allem in seiner srendigen Hingabean die Welt eine Erbschaft aus jenen Tagen der neuerwachen-den Weltfreude, die keiue bittere Erfahrung ihm rauben kounte.Das brachte ihn in scharfen Gegensatz zu dem Idealismus deralten Schule, zu Schiller vor allem:

Die Dichter haben kein Recht, das Leben, wie es jetzt ist, zu schmäheu...Die meisten Katastrophen unserer Tragödien und Novellen sind Meuchel-morde der Wirklichkeit an dem Schönen. Der Dichter sucht irgend ein Unrechtder Wirklichkeit, d. h. des Bestehenden, gegen den Einzelnen, eine Roheitdes Schicksals gSgen das Schöne, um es in einem Gedichte vor dem Leseroder Zuschauer siegend zu bekämpfen . , . Darin liegt eine große Gefahr;wenn die Weise dcS Altertums die Erfahrung über die Dinge, die wir nichtselbst durch die Erfahrung kennen lernen konnten, mitteilt nnd uns dadurchfür das Leben erzieht, so wird in der Schillerschen unser Irrtum, werdenunsere jugendlichen Illusionen zu eiuer leidenschaftlichen Stärke erzogen;wir werden zu einem lediglich in der Phantasie existierenden Leben erzogen,das uns verwöhnt, blind und taub macht für die Wirklichkeit, und, waSdas Schlimmste, ungerecht.Hier also tritt Ludwig dem Jungen Deutschland ganz nahe:auch er verteidigt das Recht des wirklichen Lebens, auch er fordert,wie Wienbarg, eine neue Einheit von Poesie nnd Leben; auch erhat, wie dieser, einen größeren Zug der deutscheu Verhältnisse, stärkereCentren und mächtigere Bewegungen ersehnt. Wie die Jungdeutschengerät er zu der Nomantik, von der auch seine ersten Leistungen be-einflußt waren, in heftigen Gegensatz: dieFlucht vor dem Tri-vialen" hörten wir ihn schon als ihr Grnndwesen bezeichnen, dasdann zur Phantasterei geführt habe.

Dennoch muß man sich hüten, diese Ähnlichkeiten zu über-schätzen. Außer Schiller hat Ludwig keine litterarische Richtnng sonachsichtslos befehdet wie das Junge Deutschland. Persönliche Anti-pathien aus der Dresdener Zeit spielten mit; aber die Hauptsachewar ein Prinzipieller Gegensatz. Es war der Gegensatz gegen das,was die Jungdcutschen mit Schiller teilten: gegen dieTendenz".Realist, ja Naturalist war Ludwig vor allem in dem Sinne, daßihm ein jedes Hineintragen fremder Tendenzen in die Darstel-lung gleichsam ein Verbrechen an der Wirklichkeit schien. Deshalbalso kämpft er gegen Schiller : die Sentenzen, die großen Redenscheinen ihm fremde Zuthaten,Juwelen zum Herausnehmen", ge-prägte Thaler und Dukatenstücke, die blinkend und locker im Gesteinstecken, silberne Äpfel, die an den Baum gehängt sind er er-